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Breno: Chronik eines Riesentalents

Fast hat er es geschafft. Am 20. Dezember wird Breno Vinicius Rodrigues Borges aka Breno auf Bewährung aus dem Gefängnis entlassen.  Nach dem Ablauf von zwei Dritteln seiner Haftstrafe darf der Brasilianer also rechtzeitig zu Weihnachten endgültig zu seiner Familie zurück.  Anschließend wird er einen Monat Zeit haben um das Land zu verlassen, in dem er niemals Fuß fassen konnte. Dabei setzte man ursprünglich doch hohe Erwartungen in den Verteidiger. Zeit, einmal abschließend zurückzublicken auf die sportliche Chronik eines einstigen Riesentalents.

Von Vorschusslorbeeren und Knochentests

Der Karrierestart verlief für Breno in Brasilien optimal. Als 18-jähriger errang er als Stammspieler bei seinem Jugendklub FC Sao Paulo im Jahr 2007 sofort die Meisterschaft. Für viele galt er als Entdeckung des Jahres und als zukünftiger Abwehrchef in der Selecao. Logisch, dass viele europäische Klubs den 1,87m großen Brasilianer schnell auf ihrem Radar hatten, und kurz darauf galt ein Wechsel zu Real Madrid bereits als wahrscheinlich. Dass es nicht dazu kam, lag an einer merkwürdigen Auseinandersetzung zwischen Verein und Spieler. Die Verantwortlichen der Madrilenen glaubten offenbar nicht an die Richtigkeit der Geburtsdaten und wollten zur Festlegung von Brenos Alter erst einmal einen Knochentest durchführen.

Das Gerücht, Breno sei eigentlich bereits Jahre älter, sollte sich halten. Denn dieser entschied sich gegen den Test, sagte dem Verein ab und wechselte stattdessen im Januar 2008 unter Lobeshymnen von Scout Giovane Elber zum FC Bayern München. Ablösesumme: satte 12 Millionen Euro. Vertrag bis 2012.

Der sportliche Werdegang

Als potentieller Nachfolger des damaligen Abwehrchefs und Landsmanns Lucio verpflichtet, hatte er eine lange Eingewöhnungsphase vor sich. Sein Bundesligadebüt feierte er erst am 31. Spieltag der Saison, als er beim 0:0 gegen den VfL Wolfsburg 17 Minuten vor Schluss für Daniel van Buyten eingewechselt wurde. Der einzige Einsatz des damals 18-jährigen in der Spielzeit war auch gleichzeitig die Partie, in welcher sich die Bayern unter Ottmar Hitzfeld vorzeitig zum Meister krönten. Mehr war für ihn in der Saison kaum drin: Die Bayern stellten einen neuen Gegentorerekord auf (21) und die Verteidiger Lucio, van Buyten und Demichelis zeigten sich zu diesem Zeitpunkt als überaus zuverlässig. Breno musste versuchen, in der nächsten Spielzeit anzugreifen.

Pech in Nürnberg

Diese Saison 2008/2009 verlief für ihn unter dem neuen, aber erfolglosen Trainer Jürgen Klinsmann jedoch nicht besonders aussichtsreich. Zu vier Bundesligapartien (zwei über 90 Minuten) gesellten sich kurioserweise immerhin fünf Einsätze in der Champions League, einer davon beim blamablen 0:4 gegen den FC Barcelona im Viertelfinale. Auch unter Louis van Gaal ergaben sich trotz des Abgangs von Lucio kaum Chancen für Breno. Die Zukunft in der Abwehr trug bei van Gaal den Namen Holger Badstuber.  Breno wurde daraufhin zur Rückrunde der Saison 2009/2010 an den 1. FC Nürnberg ausgeliehen. Ein scheinbar guter Schachzug für beide Vereine und den Spieler: Sechs Spiele lang gab er den neuen Abwehrchef, zeigte sein Potential – doch dann riss er sich das Kreuzband. Den Rest der Saison verpasste er, der 1. FC Nürnberg musste in der Relegation nachsitzen und feierte knapp den Klassenerhalt. Für Breno aber hieß es erst einmal: Zurück nach München, Neustart in der nächsten Saison – mit dem Handicap der noch nicht ausgeheilten Blessur.

Unglücklich zurück in München

Da er somit die Vorbereitung bereits verpasste, prophezeiten ihm viele ein endgültiges Scheitern beim Rekordmeister. Doch Breno nutzte während einer Verletzung von Badstuber eine Schwächephase der beiden Innenverteidiger van Buyten und Demichelis und stand ab dem 12. Spieltag plötzlich in der Startelf. Zu einem Zeitpunkt, als die Bayern überraschend nur auf Platz 6 lagen, schien Trainer Louis van Gaal auf den jungen Brasilianer setzen zu wollen. Doch kurz nach Beginn der Rückrunde fand sich Breno dennoch auf der Bank wieder, und selbst ein Tymoshchuk wurde ihm in der Verteidigung nun vorgezogen. Die wenigen Gelegenheiten, die er dann noch bekam, verliefen katastrophal. Nach einer roten Karte wegen einer Tätlichkeit in der Bundesliga und einer unterirdischen Leistung im Rückspiel des Champions-League-Achtelfinales gegen Inter Mailand, welches die Bayern nach einem 1:0-Hinspielsieg in Mailand zu Hause mit 2:3 verloren, war der Brasilianer für den Rest der Saison außen vor.

Der Tiefpunkt

Nachdem Breno am 19. September 2011 erfuhr, dass er wieder am Knie operiert werden muss, gerieten die Dinge in der darauffolgenden Nacht bekanntlich außer Kontrolle. Die Kombination von Alkohol und verschiedenen Medikamenten schien für Wahnvorstellungen zu sorgen, er zündete sein Haus an – Der Rest ist bekannt.

Sportlich versuchte er in der Zeit bis zu dem Prozess wegen schwerer Brandstiftung danach noch einmal auf die Beine zu kommen, doch eine erneute notwendige Operation im Februar 2012 beendet seine Bundesligakarriere beim FC Bayern ohne einen einzigen Einsatz in der letzten Spielzeit. Im Prozess wurde anschließend das Porträt eines depressiven, unreifen Mannes gezeichnet, der, ohne Erfahrung und ohne seine Familie, den Sprung von seiner Heimat weg nicht verkraftete, als es zudem dauerhaft schlecht lief.

Viele Vereine hatten Brenos Talent jedoch nicht vergessen. Lazio Rom bot ihm sogar zu diesem Zeitpunkt noch eine sportliche Zukunft, sofern er nicht ins Gefängnis müsse. Doch am 4. Juli 2012 folgt die Verurteilung für dreieinhalb Jahre. Das Angebot war damit vom Tisch.

Rehabilitation im Verein – Sportliche Rückkehr?

Im schnelllebigen Fußballalltag geriet Breno in Deutschland – bis auf einige wenige Artikel – schnell in Vergessenheit. Das ausgebrannte Anwesen wurde inzwischen wieder restauriert – vom Inhaber nun mit zahlreichen Rauchmeldern ausgestattet. Seit August diesen Jahres wird es von Thiago Alcántara bewohnt. Breno war zu diesem Zeitpunkt bereits seit einem Jahr ein Freigänger, der beim FC Bayern im Rahmen der Resozialisierungsmaßnahmen wieder Arbeit fand. Unter anderem sollte er dort im Trainerstab der zweiten Mannschaft mitwirken. Die vagen Vermutungen, er könnte im Verlauf der Saison auch als Spieler wieder aktiv werden, bestätigten sich nicht. In Deutschland gab es für ihn keine Zukunft mehr im Profifußball.

Wenn Breno am 20. Dezember aus dem Gefängnis kommt, dürfte er es nur allzu eilig haben, die vergangenen Jahre und das Land hinter sich zu lassen. Immer wieder gab es Berichte, dass sein Heimatklub aus Sao Paulo nur auf Brenos Rückkehr nach Brasilien wartet, um ihn wieder unter Vertrag zu nehmen. Scheinbar gibt es immer noch Vertrauen in sein vielgepriesenes Talent, trotz jahrelangem Ausfall und Freiheitsentzug. Doch vielleicht findet der inzwischen 25-jährige Breno sein Glück dort, wo alles angefangen hat. Es wäre ein selten merkwürdiger Kreis, der sich dann schließt.

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