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Der Rücktritt von Lahm: Bye Bye, Philipp

Der Rücktritt von Philipp Lahm schockierte sicher die meisten Fußballfans gestern. Das mag daran liegen, dass die deutsche Mannschaft somit den einzigen Außenverteidiger verliert, der über Jahre hinweg gute Leistungen gebracht hat. Ach, gut trifft es bei Lahm nicht. Eine sehr eigene Art der Grätsche, bei der er am Ende mit dem Ball am Fuß vor dem Gegner stand, eine sehr eigenartige Karriere, in der er jedes Jahr 60 bis 70 Pflichtspiele absolvierte, da Sperren oder Verletzungen bei ihm eher ein absoluter Ausnahmezustand darstellen. Ein maschinelles Verhalten, konstant, über Jahre hinweg.

Aber Lahm hat auch ein sehr eigenes Ego, dass er sowohl bei seinem Verein als auch in der Nationalmannschaft stets zu präsentieren wusste. Unvergessen, wie er während der WM 2010 verkündete, das Kapitänsamt nicht einfach wieder an den verletzten Michael Ballack abgeben zu wollen – vielleicht der letzte Nagel in dessen Nationalmannschaftssarg. Bei Interviews verhielt er sich stets korrekt, war, wie 11Freunde es ausgedrückt haben, der „Fußball gewordene Streber„. Durchaus respektiert aufgrund seiner meist tadellosen Leistung – aber nicht gerade ein Publikumsliebling. Lahm-Witze gab es eh und je, großartige Sympathiebekundungen für den Verteidiger hörte man unter Fußballfans selten. Seine Trikotnummer war in den Shops sicher nie die beliebteste. Vielleicht wirkte Lahm dafür in seinem Verhalten eben zu abwägend, zu tadellos. Er wusste immer, wo er wann hin will. Das hat man auch bei dem Rücktritt gesehen.

Abschreckende Beispiele überall

Ihm kann nun immerhin nicht das passieren, was ein Xavi gerade durchmacht. Den fußballerischen Zenit überstiegen zu haben und das eigene Ende in der Nationalmannschaft nicht selbst kontrollieren zu können. Etwas, worauf Lahm sicher großen Wert legt. Aber: Hätte er diese Entscheidung nicht nach der EM 2016 treffen können? Mit 30 Jahren ist es wohl einer der früheren Rücktritte von Nationalspielern, mal abgesehen von den Halb-Rücktritten der von Jogi verschmähten Stürmer in den letzten Jahren (Grüße an die Herren Kießling und Kuranyi). Jeder hätte diesem Dauerbrenner wohl zugetraut, noch zwei, wenn nicht sogar vier Jahre auf diesem Niveau weiterzuspielen. Gerade nach der Weltmeisterschaft, in der er gezeigt hat, dass auch er trotz aller Macht sich immer und überall in den Dienst der Mannschaft stellt. Er akzeptierte die für ihn als Degradierung empfundene Positionsänderung von der 6 auf die Außenverteidigerposition und zeigte danach, was er dort darstellt: Den wohl besten Außenverteidiger der Welt.

Keine Fitness hält ewig

Er sagte, dass er die Entscheidung schon vor der Weltmeisterschaft gefällt habe. Die Situation dort war für ihn eine neue: Er kam angeschlagen zu dem Kader, sein Einsatz und seine Fitness waren lange nicht ganz klar. Alle Fans hatten ihre Augen eher bei Schweinsteiger, Khedira und Neuer. Lahm würde das schon irgendwie hinkriegen. Wie er das halt immer so gemacht hat. Und: Er hat es hingekriegt. Aber vielleicht hat er da auch gemerkt, dass selbst seine 1,70 m nicht dauerhaft unverwundbar sind. Die ersten Verletzungen und Wehwehchen können durchaus schmerzhafter werden, wenn man zusätzlich zu den 50-60 Spielen im Verein noch 10-15 pro Jahr mit der Nationalmannschaft abreißen soll. Und überall als Kapitän und Wortführer. Lahm hat sich für ein wenig mehr Ruhe entschieden, um auf Vereinsebene sein Niveau noch ein paar Jahre halten zu können. Er weiß wohl selbst, dass er noch weiter in der Nationalmannschaft erfolgreich hätte spielen können. Es war für ihn aber wohl scheinbar mit einem zu großen Risiko verbunden. Und nun geht er auf dem absoluten Höhepunkt einer potentiellen Fußballerkarriere: Weltmeister als Mannschaftskapitän.

Eine Rückkehr zur EM 2016, wie sie schon von einigen Seiten anklingt, ist für mich absolut nicht vorstellbar. Selbst bei größter Not auf einer Position vor dem nächsten Turnier. Denn wenn Lahm geht, wird sich das Machtgefüge in der Nationalmannschaft nachhaltig ändern. Lahm wird als Wortführer und rechte Hand des Trainers ersetzt werden müssen. Nachhaltig. Lahm hat beim Thema Ballack aktiv erlebt, wie schnell der Fall eines Spielers gehen kann. Wie unmöglich es danach erscheint, diesen jemals wieder in das Nationalteam zu integrieren. Gibt Lahm einmal die Macht ab, kriegt er sie nicht mehr wieder. Aber das weiß er.

Am Ende bleibt für Lahm wenig zu sagen außer: Respekt und Danke! Geil war’s, mit dem perfekten Abschluss!

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