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Darf man Wolfsburg geil finden?

Die Bundesliga-Rückrunde ist keine 14 Tage alt, doch einige Trends hat das neue Jahr bereits zu verzeichnen. Die in Heilsbringer Skripnik gesetzten Hoffnungen der Bremer Fans scheinen sich zu erfüllen, Hoffenheim und Hannover haben dagegen plötzlich eher wenig Lust auf Europa-Reisen – und der Vfl Wolfsburg schickt sich an, zu einer der Fußballattraktionen in Deutschland zu werden.  Und damit eventuell sogar sympathisch?

Der Umgang mit dem Tod ihres Spielers Junior Malanda war mehr als eindrucksvolles Krisenmanagement. Die Leistung im Spiel gegen Bayern München wirkte wie ein mannschaftliches Abschiedsgeschenk, die Stimmung im Stadion war emotional aufgeladen. Im Bezug auf Wolfsburg hat man solche Begriffe in der Vergangenheit wohl nicht allzu oft benutzt.

Das Ziehkind von VW hat in Deutschland per se einen schweren Stand und befindet sich auf Beliebtheitsskalen aufgrund der Unternehmensverbindung doch häufig nur knapp vor der TSG aus Hoffenheim und dem FC Ingolstadt. Vereine wie dieser zerstören laut vielen Fans die Traditionsklubs, zumindest mittelfristig. Als Fußballfan müsse man diese Entwicklung und diesen Verein also verurteilen. Aber ist das wirklich so einfach?

Das internationale Ringen um Konkurrenzfähigkeit

Da sieht man einerseits deutlich, wie in anderen Ligen bereits zahlreiche Clubs von fremden Geldgebern unterstützt und vorangetrieben werden und führt sich die strukturellen Nachteile der Bundesliga, nicht zuletzt bei dem leidigen Thema Fernsehgelder, immer stärker vor Augen.

Die Rückkehr von André Schürrle in die Bundesliga ist in diesem Kontext gesehen natürlich eine Stärkung der ganzen Liga, wie es auch schon die Verpflichtung von Kevin de Bruyne darstellte. Gute Spieler als Attraktionen machen eine Liga eben auch aus – und liefern Argumente für eine bessere Vermarktung. Darüber hinaus wirkt der Verein durch das Zusammenspiel zwischen Hecking und Allofs inzwischen konzeptionell durchdachter aufgestellt als noch vor wenigen Jahren, der 40-Mann-Kader von Magath ist Vergangenheit.

Wunschtruppe auf dem Reißbrett

Aber wie viel Lob kann man dafür geben, wenn das oben genannte Paket der drei Spieler bereits über 60 Millionen Euro gekostet hat? Das Konzept der Wunschtruppe kann auf dem Reißbrett jeder erstellen – doch oftmals fehlt eben das Kapital, um kurzfristige Änderungen einzuleiten. Die Wölfe müssen sich darüber definitiv weniger Gedanken machen als andere etablierte Bundesligaclubs, die nach einem Jahr mit finanziellem Risiko oftmals mehrere Jahre am Stock gehen. Doch inzwischen gibt es auch Teams neben dem FC Bayern, welche öfters in der höheren Liga der Ablösesummen präsent sind.

Der BVB brauchte für diesen finanziellen Quantensprung jedoch einige konstante Jahre in Europas Elite, tätigte währenddessen zahlreiche gute Transfers. Dass der Vfl Wolfsburg zuletzt die lukrativeren Gelegenheiten wie bei Kevin de Bruyne beim Schopfe gepackt hat, liegt eben sicherlich nicht zuletzt an dem Reiz eines nicht allzu niedrigen Gehalts. Es erhöht aber mit Sicherheit auch die Aufmerksamkeit der nationalen Konkurrenz.

Scheinheiligkeit der Debatte?

Die Diskussion ist auch deswegen notwendig, weil gerne vernachlässigt wird, wie sehr andere Vereine ebenfalls von Unternehmen profitieren. Gerade im letzten Jahr hat Bayern München 8,33 Prozent der Anteile für über 100 Millionen Euro an die Allianz verkauft, Borussia Dortmund kann mit einem ähnlichen Betrag für den Einstieg von Puma und Signal Iduna rechnen. In einem kleineren, aber nicht zu vernachlässigendem Bereich bewegt sich der HSV mit Dauerinvestor Kühne – doch der Rückkauf der Stadionrechte tut den Sympathiewerten hier natürlich gut. Und auch die Hertha aus Berlin bekam letztes Jahr von Finanzinvestor KKR eine ordentliche Kontoaufstockung mit Hoffnung auf mehr. Das Geld fließt in der Bundesliga an vielen Orten. Auf vielen Wegen. Gefährlich ist eben nur die Kontrolle durch ein einzelnes Unternehmen. Die alte 50+1-Debatte.

Pro und Kontra

Für die Bundesliga bedeutet der Aufstieg des Vfl Wolfsburg mehreres. So eröffnet sich zum einen die Chance auf einen international konkurrenzfähigen Verein, der als Attraktion der Liga mit höchst ansehnlichem Fußball mittelfristig selbst den enteilten Bayern gefährlich werden kann. Der „Geldgeber“ ist dabei kein gelangweilter Scheich, der nach ein paar Jahren die Lust an seinem Spielzeug verliert, sondern ein Unternehmen, welches nunmal fest mit Wolfsburg verbunden ist. Das Geschäft mit dem Geld ist nicht erst seit neuestem Mittelpunkt des Fußballsports. Man könnte also einfach sagen: „Don’t hate the Player – Hate the Game„.

Zum anderen sorgt Wolfsburg für erschwerte Bedingungen für andere Bundesligisten, die mit weniger externen Möglichkeiten zusätzliche Mittel generieren können. Die Beteiligung von Volkswagen, welche sowieso bereits eine bisher fast exklusive Sonderregelung für den VFL Wolfsburg beinhaltet, erscheint dazu nicht an allen Stellen transparent, vor allem im Bezug auf das oft gerühmte „Financial Fairplay“. Eine noch intensivere Kontrolle erscheint bei solchen Vereinen notwendig. Sieht man Konzepte wie die von Red Bull, die bereits eine Dauerflugverbindung Salzburg-Leipzig gebucht haben aufgrund der Transferfrequenz zwischen den beiden Teams, wird einem bewusst, dass es deutliche Grenzen unternehmerischen Engagements braucht.

Was zählt wirklich?

Doch die Entwicklung des Sports beziehungsweise Verhaltensweisen bestimmter Klubs und dahinter stehender Unternehmen zu verurteilen beißt sich nicht mit der Anerkennung einer guten Spielkultur eines solchen Vereins. Es erscheint dabei auch allzu unverständlich, wenn Spieler aufgrund ihrer Vereinswahl für den VfL an Sympathiewert verlieren.

Der VfL Wolfsburg mag nicht über die herausragendste Fankultur oder Tradition verfügen. Und das Einhalten der finanziellen Spielregeln des Vereins muss in den nächsten Jahren zwingend geprüft werden. Aber es handelt sich beim VfL keineswegs um eine zusammengekaufte Startruppe, sondern um ein recht ordentlich harmonierendes Kollektiv in der Bundesliga. Und davon kann es dann doch gewiss nicht zu wenige geben.

 

 

 

 

 

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