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Der FC Bayern: Umbruch im Sommer?

Die „heiße Phase“ der Saison ist in München gestern endgültig stark abgekühlt. Nach dem 0:3 im Hinspiel des Champions-League-Halbfinales gegen den FC Barcelona kann die Planung für die neue Saison fast schon beginnen – ein zweites Rückspiel wie gegen den FC Porto erscheint gegen die Katalanen schließlich reichlich groß gedacht – das Selbstvertrauen schien bereits zu Ende des Hinspiels verschwunden. Was für den Rekordmeister bleibt, ist eine souverän gewonnene Meisterschaft, ein unglückliches Ausscheiden im DFB-Pokal und nun die Niederlage im direkten Duell mit dem Besten, was Europas Fußball wohl derzeit zu bieten hat.

2013 ist weit entfernt

Vor zwei Jahren noch war von einer Wachablösung die Rede: Bayern hatte den FC Barcelona mit insgesamt 7:0 Toren in zwei Spielen auf die Bretter geschickt, die Ablösung von Heynckes durch Guardiola stand bevor. Nun ist man zwar beide Jahre unter den letzten vier Teams in Europa geblieben – was selbst mit dem Kader der Bayern eine außerordentliche Leistung und keine Selbstverständlichkeit ist – von einer Wachablösung kann aber nun absolut keine Rede mehr sein. Viel mehr muss sich der FC Bayern nun wieder neu erfinden, um im interationalen Wettkampf an Barcelona und Real Madrid nicht noch mehr an Boden zu verlieren – und gleichermaßen die aufstrebende Konkurrenz aus England und Frankreich in Form von Paris St. Germain nicht auf die Überholspur kommen zu lassen.

Das Verletzungspech der Bayern ist unbestritten – doch es förderte Probleme zuvor, die bereits zu Beginn der Saison befürchtet worden waren. Mit Schweinsteiger (30), Lahm (31), Alonso (33) und den verletzungsanfälligen Robben (31) und Ribery (32) sind fünf absolute Leistungsträger in nächster Zeit zu ersetzen. Die logische mediale Schlussfolgerung dieser Tage lautet: Für genau diese Positionen muss nachgerüstet werden. Doch inwieweit ist das schlüssig?

Die Zentrale (defensiv)

Bei den alternden Weltklassespielern Schweinsteiger, Lahm und Alonso ist nicht deutlich, wie lange sie ihr Niveau halten können. Gerade Alonso zeigte sich nach starkem Saisonbeginn zuletzt schwächelnd. Braucht es also frische Impulse? Eventuell. Doch diese müssen nicht erst eingekauft werden. Mit Thiago (24) und dem immer zentraler werdenden Alaba (22) hat man zwei junge, wenn auch zuletzt verletzungsanfällige Motoren, die in diese Rollen hineinwachsen können.

Ebenfalls gerne vergessen: Der Rekordtransfer der Fußball-Bundesliga Javi Martinez (26), der nach seinem Kreuzbandriss nächste Saison wieder angreifen könnte. Sebastian Rode (24) mit vielversprechenden Ansätzen und Neuzugang Joshua Kimmich (19) von RB Leipzig komplettieren ein starkes Gerüst – zumal Schweinsteiger, Alonso und Lahm alle noch dazuzurechnen sind, Höjbjerg (19) eventuell aus Augsburg zurückkehrt.

Die Zentrale (offensiv)

Wochenlang fragte man sich, was geschehen würde, wenn Schweinsteiger, Alonso und Lahm fit wären. Wer von den dreien muss auf die Bank? Rückt Lahm wieder in die Verteidigung. Die Antwort heißt inzwischen: Der Verlierer dieses Kampfes ist Mario Götze, der – auch aufgrund einer eklatanten Formschwäche – in seinem zweiten Jahr nach gutem Beginn immer mehr an Boden verliert. Mal in der Zentrale, mal auf den Flügeln – so richtig weiß Guardiola selbst nicht, wie er Götze am besten einsetzt. Die Geduld diesbezüglich scheint noch nicht an ihre Grenzen gestoßen zu sein.

In der offensiven Zentrale könnte mittelfristig ebenfalls Thiago zum Dreh- und Angelpunkt des Münchner Spiels werden – so er denn endlich verletzungsfrei bleibt. Eine Bayern-typische Verpflichtung wäre die des Belgiers Kevin de Bruyne (23) – er kennt die Sprache und Liga, und hat seine Klasse eindrucksvoll unter Beweis gestellt. Anders als die Konkurrenten der Vergangenheit dürfte der VFL Wolfsburg jedoch finanziell schwer zu beeindrucken sein. Auch ein Roberto Firmino (24) bringt eine große Qualität mit und dürfte sich im internationalen Vergleich bei der Klasse noch unter „günstig“ einstufen lassen.

Die Außenbahnen

Das große Problem des FC Bayern in den nächsten Jahren wird bekanntermaßen der Ersatz des einst als Robbery gefeierten Flügelduos. Auf dem Platz begegnen sich die beiden Ausnahmekünstler inzwischen nur noch selten. Nach dem Abgang von Shaqiri in der Winterpause fehlt es hier absolut an Alternativen. In der Öffentlichkeit mehren sich naturgemäß die Namen möglicher Kandidaten. Der Franzose Griezmann (24, Atletico Madrid, Vertrag bis 2020) erscheint dabei ebenso zu teuer wie ein Edin Hazard (24, FC Chelsea, Vertrag bis 2020), bei dem man darüber hinaus noch das Interesse für einen Wechsel anzweifeln dürfte. Doch die Bayern werden sich gezwungen sehen zu agieren.

Und das nicht nur im Offensivbereich. Auch die defensiven Außenbahnen benötigen Verstärkung. Bei einer dauerhaften Versetzung Alabas ins Mittelfeld bleibt auf der linken Seite der starke, entwicklunsfähige Juan Bernat (22). Sein Pendant auf rechts ist mit dem Brasilianer Rafinha (29) die eh und je ausgemachte Schwachstelle der Bayern – solide reicht hier eben nicht aus.

Das System

Nach zwei Jahren beim FC Bayern München hat Pep Guardiola aus dem Spielermaterial eine überzeugende, mitunter genial spielende Truppe geformt, die jedoch in den entscheidenden Momenten nicht zu ihrem Spiel fand. Verletzungspech allein ist dafür keine Antwort. Das Spiel der Bayern lebt seit Jahren von den Angriffen über die Flügel – ein Mittel, welches beim FC Barcelona unter Guardiola, auch aufgrund des unterschiedlichen Spielermaterials, nur selten Anwendung fand.

Denkbar ist daher auch, dass er den Spielstil der Mannschaft zur nächsten Saison radikaler ändert und versucht, die Mitte weiter zu beleben. Die bisherigen Experimente dahingehend beim FC Bayern waren nur teilweise überzeugend. Insbesondere in den letzten Wochen war es jedoch oft die effektivste Möglichkeit. Hierfür bedarf es dann wiederum eher Stärkungen in der offensiven Zentrale – so Götze nicht schlagartig zu Konstanz findet.

Der sehr gute Gesamteindruck der Mannschaft wird unter den Niederlagen in den großen Spielen leiden. Doch er öffnet den Verantwortlichen vielleicht auch rechtzeitig die Augen vor notwendigen Veränderungen – wenn man die eben erreichte Weltspitze nicht wieder aus den Augen verlieren will.

 

 

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