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Der Spaß mit dem Superlativ

Das Spitzenspiel der Dortmunder Borussia gegen den deutschen Rekordmeister aus München war für neutrale Zuschauer sicherlich kein Leckerbissen. Sogleich frohlockten sogenannte Experten, anschließend jedoch den taktischen Aspekt hervorzuheben, und Guardiola (nicht zum ersten Mal) in den Götterhimmel der Taktiker zu erheben. Natürlich. Taktische Finesse, unübertreffbare Brillanz im heutzutage essentiellen Matchplan, natürlich nur für das geschulte Auge sichtbar.

So kommt es zumindest rüber, wenn man sich die Experten diverser Sportseiten ansieht. Und ohne Frage: Pep Guardiola zeichnet sich dadurch aus, dass er seine Mannschaft variiert. Für jeden Gegner gibt es einen meist unter der Woche mühevoll ausgedachten Plan. Die Rolle eines einzelnen Spielers kann dabei innerhalb von wenigen Wochen gleich mehrfach variieren. So spielt ein Alaba auf nicht weniger als fünf Positionen – als Innen- und Außenverteidiger, Flügelspieler sowie als defensiver und offensiver Mittelfeldspieler. Manchmal wechselt das innerhalb einer Partie.

Die scheinbare Revolution eines Taktikwechsels im Jahr 2015

Soweit, so gut. Das ein internationales Spitzenteam auch unähnlich einer Kreisligatruppe über mehr als einen Plan verfügt, erscheint ebenfalls weniger revolutionär als nur konsequent. Wo andernorts der Ortskneipier Manni als Libero die Bälle immer nach vorne knallt, gibt es in der Bundesliga meist doch geringfügig höher liegendes Potenzial bei den Akteuren.

Im Bezug auf Guardiola wird das aber doch recht oft von Journalisten dazu benutzt, nach Partien den Ejakulativ auszupacken. Das dürfte dem spanischen Coach nicht wirklich passen, denn auch dieser wusste gestern bereits richtig die Partie einzuordnen. Als er betonte, er würde gerne anders spielen. Und darauf hinwies, dass es nicht das stärkste Spiel der Mannschaft gewesen sei. Die Taktik, die er für das Spiel ausgewählt hatte, hatte sich indes tatsächlich als goldrichtig erwiesen. Eine Revolution stellte sie dennoch keinesfalls dar.

Tatsachenbetrachtung

Die Grundgegebenheiten waren klar: Robben und Ribery würden ebenso ausfallen wie David Alaba, drei elementare Spieler des FC Bayern, wenn es um das Stichwort Tempo geht. Dazu hat Götze nicht seine beste Form. Und wie es der Zufall so will, stehen mit Lahm, Schweinsteiger und Xabi Alonso erstmals seit Saisonbeginn alle drei Weltklassemänner aus der defensiven Zentrale wieder voll zur Verfügung. Beim BVB hingegen ließ sich diese Saison schon circa 15 mal beobachten, was das Problem der Mannschaft in dieser Saison zu sein scheint: Das Spiel selbst machen. Selten kontern können.

Mit Reus, Aubameyang, Kampl und Kuba war Abteilung Attacke bei den Hausherren bereits aufgestellt. Klar: Jeder Konter würde brandgefährlich werden. Die Entscheidung, mit gleich neun eher defensiv denkenden Spielern anzutreten und dem BVB das Feld zu überlassen war für den Sieg natürlich entscheidend. Es bedeutete auch, vom Unwort „Ballbesitzfußball“ weg zu gehen, wenn es eben sein muss.Doch wer Guardiola bisher eben solche taktischen Manöver nicht zugetraut hatte, der hat bislang scheinbar nur sporadisch den Fernseher angemacht, wenn Spiele seiner Mannschaften liefen.

Bester Schlussabsatz aller Zeiten

Die gestern wieder zuhauf ausgepackten Superlative hätten durchaus in der Kiste bleiben können. Die Taktik war klasse. Ein wie gewohnt aggressives Angriffsspiel hätte man aber mit dem zur Verfügung stehenden Personal so überhaupt nicht zustande bekommen gegen eine Mannschaft, die fürs Kontern geschaffen worden ist.

Auch Jürgen Klopp wird sich viel mehr darüber ärgern, dass seiner Mannschaft die kreativen Impulse gefehlt haben, als dass Guardiola ihm eins ausgewischt hätte. Denn mit Sicherheit hat ihn diese Option der Bayern nicht so sehr überrascht, wie viele Experten es eventuell vermuten. Doch Superlative machen sich immer gut als Schlagzeile.