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Zum deutschen EM-Aus: Akzeptieren. Weitermachen.

Und auf einmal ist die EM für Deutschland vorbei. Vor ein paar Tagen verlor die halbe Nation noch ihre Stimme nach dem Elfmeterschießen gegen Italien. Aber bei so einem Turnier ist das eben egal, die Vergangenheit zählt nicht.  Fans der deutschen Nationalmannschaft müssen sich gedulden, bis es wieder die Gelegenheit auf einen Titel gibt.

Ohne Bestbesetzung

Dass gegen Ende des Spiels mit Boateng, Hummels, Khedira und Gomez vier Spieler aus der vermeintlich derzeit bestmöglichen Startformation fehlten, hatte natürlich Einfluss auf das Ergebnis. Dass man jemals einmal sagen würde, dass Mario Gomez möglicherweise der schwerwiegendste Ausfall der Mannschaft werden könnte, hätte so vor zwei Jahren wohl  niemand gedacht.

Aber bei Betrachtung eines sichtlich mental und körperlich müde wirkenden Thomas Müller, eines Mario Götze, der so langsam vergessen haben dürfte, wie man „Selbstbewusstsein“ schreibt und ansonsten guten, aber relativ torungefährlichen Offensivkräften war Gomez‘ Ausfall eine Katastrophe für die Offensive, wie auch spätestens nach Boatengs Verletzung das zusätzliche Fehlen von Hummels und Khedira bemerkbar war. Aber auch das ist ein vier Wochen langes Turnier nach einer für alle Profis langen Saison: Geprägt von Verletzungen.

Die hässliche Seite

So weit die sportliche Seite. Hatten sich jedoch zahlreiche Deutschland-Fans bereits nach dem Sieg gegen Italien in den Sozialen Netzwerken nicht gerade mit Ruhm bekleckert und sich als schlechte Gewinner erwiesen, war auch nach der Niederlage leider weiter kopfschütteln angesagt, wenn man sich zu viel im Internet aufhielt.

Rassistische Beleidigungen gegen die französische Mannschaft und gegen den italienischen Schiedsrichter, Diffamierungen gegen eigene Spieler, kurzum: die hässliche Seite eines schlechten Verlierers kommt seit gestern wieder einmal zu Tage.

Sündenbock-Suche schwierig

Fakt ist: Der italienische Schiedsrichter Rizzoli lag bei allen schwierigen Entscheidungen – insbesondere dem Handelfmeter – richtig. Bastian Schweinsteiger sah in dieser Situation zwar nicht gut aus, machte sonst aber vor allem in Halbzeit 1 eine starke Partie (und es wäre fast tragisch, wenn seine Nationalmannschaftskarriere so enden würde).

Frankreich spielte clever. Dass sie sich nach einer starken Anfangsphase zurückzogen und Deutschland das Spielfeld überließen, kann man auch als Respektsbekundung gegenüber der Stärke der deutschen Mannschaft sehen, die natürlich in Halbzeit 2 kreative Ideen ein wenig vermissen ließ, nach Standards aber brandgefährlich war und auch kein schlechtes Spiel machte.

Die Schuld von Löw?

In so einem Fall gibt man dann gerne dem Trainer die Schuld. Obwohl man hätte argumentieren können, dass ein Sané vielleicht vor einem Götze hätte eingewechselt werden können, scheint auch Joachim Löw nicht allzu viel falsch gemacht zu haben. An Verletungen konnte er genau so wenig ändern wie an einer leider anhaltenden Formkrise von Thomas Müller. Ob man ihn aus dem Team hätte nehmen sollen, ist eine geschenkte Debatte. Löw hat, wie wohl jeder, immer geglaubt, dass Müller im entscheidenden Moment doch da ist. Und so sah der jeweilige Gegner das sicherlich auch.

Die positiven Dinge sehen

Man muss einmal sehen, dass man es nach dem Titelgewinn 2014 geschafft hat, einen kleinen Umbruch einzuleiten – mit viel Kritik während der Qualifikation. Dieser wird bis zur WM 2018 in Russland weitergeführt werden. Es ist dabei sehr fraglich, ob man Lukas Podolski und Bastian Schweinsteiger dann noch auf dem Platz sieht. Aber der Rest dieser Mannschaft kann in zwei Jahren immer noch die Mission Titelverteidigung beginnen – mit vielen jungen und hochtalentierten Spielern in der Reihe, die bis dahin sicherlich noch einiges an Erfahrung bekommen werden.

Was bleibt

Die Mannschaft hat gute Leistungen gezeigt. Sie hat Italien geschlagen und damit das medial furchtbar hochgepushte „Trauma“ endlich ad acta gelegt. Man war in keinem Spiel die unterlegene Mannschaft (am verdientesten wäre wohl eine Niederlage gegen Polen gewesen). Aber im Fußball verliert man eben auch mal Spiele, in denen man nicht deutlich schlechter ist. Ein Titel bei solch einem Turnier ist nie garantiert – selbst, wenn so gut wie alles richtig gemacht wird.  Pep Guardiola kann in der Champions League ein Lied davon singen.

Ich persönlich war nur froh, dass Deutschland die Begegnung wenigstens mit 2:0 verloren. An einem Ausscheiden, ohne überhaupt ein Tor aus dem Spiel heraus kassiert zu haben, hätte ich mehr zu knabbern gehabt.

Sechs Mal in Folge Halbfinale

Man sollte sich freuen,  dass die Mannschaft das sechste Mal im Folge in einem großen Turnier mindestens ins Halbfinale kommt, zwei Finalteilnahmen inklusive. Gerade bei der Europameis-terschaft sind andere Zeiten noch nicht allzu lange her (Vorrunden-Aus 2000 & 2004).

So sollte man, auch wenn es schwer fällt, nicht die Schuld bei den Franzosen, den Italienern, den Schweinsteigers und den Löws suchen. Sondern einfach trotz der berechtigten Enttäuschung, weil mehr drin war, zufrieden sein. Nächstes Mal geht’s dann wieder von vorne los.