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Der neue EM-Modus – und seine Tücken

Der zuvor oftmals kritisierte EM-Modus ist nach der Vorrunde nun endgültig etabliert. Zwar wusste bis zum letzten Moment niemand so recht, wer jetzt eigentlich gegen wen spielt, aber was solls. Wäre Islands Kommentator bei dem 2:1-Siegtreffer gegen Österreich genau so ausgerastet, wenn er gewusst hätte, dass Island sich durch den Sieg plötzlich auf den Pfad mit England, Deutschland, Spanien, Frankreich und Italien begibt – und bei einem Unentschieden genau den anderen Weg genommen hätte? Wer weiß. Dadurch, dass es Islands erster Sieg bei einer Europameisterschaft war, wäre die Reaktion vermutlich dieselbe gewesen.
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Denn es gilt ja nach wie vor: „Wer Europameister werden will, muss sie eh alle schlagen!„. Eine allzu fadenscheinige Binsenweisheit, wie man weiß. Denn ob man auf dem Weg zu einem Titel nunmal Spanien, Frankreich und Deutschland oder eben die vermeintlich leichtere Gegner aus Kroatien, Polen und Belgien ausschalten muss, macht einen Unterschied. Zumal retrospektiv sowieso vergessen wird, wer wieso wen ausgeschaltet hat, sondern lediglich auf das Ergebnis geschaut wird.

Der Modus ist nicht schuld am Turnierbaum

Das alles gehört aber natürlich dazu. Und das bereits jetzt klar ist, dass ein Team im Finale stehen wird, welches man vorher dort eher nicht erwartet hätte, ist gleichzeitig eine schöne Sache. Und daran ist in erster Linie auch nicht der Modus schuld, denn Spanien und England hatten es selbst in der Hand, auf welcher Seite des Turnierbaums sie stehen möchten.

Aber an den Ungleichheiten der Teams

Viel problematischer erscheint da eher die wahllose Verteilung der Dritten. Während die Gruppenersten der Gruppen A bis D sich mit einem Gruppendritten begnügen dürfen, müssen die Gruppenersten der Gruppen E und F gegen einen Gruppenzweiten ran. In Gruppe F passiert dann das noch Absurdere: Der Gruppenerste Ungarn muss gegen den Gruppenzweiten Belgien ran. Der Gruppenzweite Island – auch gegen einen Gruppenzweiten, und zwar England. Fragt man bei den in der Vorrunde überragenden Ungarn nach, so hätten sie sicher auch gern die Chance auf Nordirland gehabt.

Die Stimmungskanonen spielen jetzt dafür gegen Wales, was wohl neben Italien gegen Spanien zum Highlightspiel des Achtelfinals mutieren könnte. Dabei haben die Nordiren mit zwei glücklich knapp gehaltenen 0:1-Niederlagen und einem Sieg gegen schwache Ukrainer gezeigt, wie leicht man inzwischen ins Achtelfinale kommen kann. Sicher: Der EM-Modus sorgt dafür, dass viele kleinere Teams in den Turnieren auch weiter kommen. Das wiederum sorgt für historische Momente und großartige Bilder der feiernden Fans.

Kurzfristige Freuden vs. Langfristige Entwicklung

Die Frage ist: Wie wird der Stellenwert des Achtelfinals sich langfristig entwickeln? Das Überleben der Gruppenphase dürfte in den nächsten Turnieren bereits keine allzu große Sache für viele Teams mehr darstellen. Die Mehrzahl an Spielen als Unterhaltungsangebot für die Fans sorgte lediglich für eine Mehrzahl an leidenden Zuschauern, die gestern das Ballgeschiebe zwischen Ungarn und Portugal in den letzten 10 Minuten sehen durften, als klar war, dass die Portugiesen mit drei Unentschieden definitiv ins Achtelfinale kommen.

Die Rückkehr des Nichtangriffspakts

Diesbezüglich lässt sich eine weitere Ungereimtheit des neuen Modus erkennen: Während am letzten Spieltag jeweils eine Gruppe immer parallel spielt, um so etwas wie den Nichtangriffspakt von Gijon zu verhinden, so wird dies durch die Regelung der Gruppendritten wieder ad absurdum geführt. Bereits ab der Gruppe C war den Teams klar, welches Ergebnis für das definitive Erreichen des Achtelfinals gebraucht wird, und auch die Nordiren waren gegen Deutschland sichtlich nur um das Toreverhindern bemüht, wissend, dass man so sehr gute Chancen auf das Achtelfinale hätte.

Teams können nun die Vorrunde quasi in den Sand setzen und dennoch weiterkommen. Das gibt Teams die Chance, sich im Turnierverlauf zu steigern. Nur die Vorrunde, die ist dann irgendwie auch ein bisschen egal. Das Weiterkommen sympathischer Mannschaften wie Nordirland und Irland, für die man auch vor dem Bildschirm gefiebert hat, ist schön. Es darf aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass der neue EM-Modus in Sachen Chancengleichheit auf wackligen Beinen steht.