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Inszenieren auf Knopfdruck

Ich war zugegebenermaßen nie ein großer Fan von Cristiano Ronaldo. Dass er überragend und spektakulär Fußball spielen kann – geschenkt. Dass er auch abseits – oder am Rande des Platzes ab und an positiv auffällt, ist den meisten ebenfalls bekannt. Und er züchtet sich als alleinerziehender Vater schließlich auch seinen eigenen Mini-Me heran, was irgendwie ja auch ganz witzig ist. Ihm fehlt es aber, sobald das Spiel beginnt, schlicht an etwas, was für einen Sportler mit Vorbildfunktion elementar ist. Und das ist eine gewisse Form von Anstand. Natürlich: Er ist damit nicht der Einzige. Viele Fußballer sind wahrlich keine Kinder von Traurigkeit. Dennoch werde ich irgendwie selten so genervt wie von den Aktionen von CR7.

Als sich der zweifache Weltfußballer also am Samstag dazu entschied, nach dem Treffer per Elfmeter zum 4:1 in der 120. Minute des Champions League-Finales obenherum blank zu ziehen, wurde einem schon fast schlecht. Schnell kamen die Vergleiche mit Balotelli auf, als dieser Deutschland 2012 bei der EM im Alleingang abschoss. Und ja klar, Cristiano ist sicher nicht der Erste, der so jubelt.

Cristiano trifft – und inszeniert.

Aber unabhängig davon, wer diesen Jubel zuerst und besser und schöner gemacht hat, bleibt doch die simple Frage nach dem Sinn und Zweck. Das Trikotausziehen nach Toren empfinde ich generell schon eher als affektiert und unnötig. Bei wichtigen Treffern gehört es jedoch mittlerweile schon dazu. Ist das 4:1 in der letzten Sekunde durch einen Elfmeter so ein Treffer? In einer Partie, in der Cristiano Ronaldo zuvor nur dadurch auffiel, dass er eben gar nicht auffiel? In der Teamkollegen für ihn die Kohlen aus dem Feuer holten und ausgerechnet Gareth Bale, der sich durch seine Ablösesumme alleine angeblich Ronaldos Unmut zuzog, das wichtige 2:1 erzielte? Mysteriöserweise hat der es dabei übrigens geschafft, sein Trikot anzubehalten. Ronaldo dagegen wirkte eher 119 Minuten lang trotzig, dass das Spiel an ihm vorbeilief und nicht er die entscheidenden Szenen zum Erfolg beisteuern durfte. Und jeder Zuschauer wusste beim Elfmeterpfiff sofort, was diese Entscheidung dem Schützen bedeutete.

Es wurde geschrieben, dass der Jubel eher dem lang ersehnten Titel, La Décima, galt. Dass soviel Ballast endlich von ihm abfällt. Dass er das dann halt braucht. Dass er wohl eher seine (zweifelsohne überragenden) 17 Treffer in der CL-Saison gefeiert hat in diesem Moment. Und das er eben so ist. Na gut, den Ballast konnte er loswerden. Das Trikot wiegt ja schließlich auch etwas. In erster Linie zeigt es aber doch eher seinen gnadenlosen Drang zur Selbstdarstellung. Man weiß längst: Es ist und war beispielsweise nie Real Madrid gegen Barcelona, es war immer Cristiano Ronaldo gegen Barcelona. Cristiano Ronaldo gegen Messi natürlich auch. Der Argentinier, der ebenfalls privat so seine witzigen Momente hat, hat in Barcelona inzwischen ebenfalls viel Macht hinter den Kulissen. Auf dem Platz jedoch spart er sich jegliches Getue – er spielt einfach Fußball.

Was bleibt hängen? Der nackte Cristiano.

Markeninszenierungen gehören heute natürlich zum guten Ton, ein gesundes Selbstbewusstsein ist im Fußballbusiness dazu unabdinglich, eine gewisse Trotzhaltung geradezu verständlich. Ronaldo hat sich seinen Erfolg durch sehr harte Arbeit verdient und muss sich oftmals großer, teils ungerechtfertigter Häme entgegensetzen. Aber auf wie vielen Plätzen weltweit bereits am Sonntag darauf bei Toren die Trikots flogen und der Jubel imitiert wurde, will ich gar nicht wissen. Cristiano bildet sich nicht nur privat einen kleinen Mini-Me – er bildet weltweit Tausende davon durch sein Verhalten. Darüber hinaus schmälert er die Teamleistung, den grundsätzlichen Teamgedanken des Sports enorm. Einzelinszenierungen wie diese liefern den Medien natürlich super Bilder, und so sah man schon kurz nach Abpfiff, welches Bild das Finale symbolisieren sollte: Ein halbnackter CR7, der am Ausgang des Finales doch recht unbeteiligt war. Plötzlich waren die Stars des Spiels nicht Bale, nicht di Maria, nicht Ramos. Alle plötzlich Randfiguren. Schon im Halbfinale gegen Bayern München war sein Torjubel zum Champions League-Rekord eine Qual. Weil klar war: Das wichtigste am Tor war nicht der endgültige Finaleinzug durch den Treffer, sondern sein persönlicher Rekord, der über allem anderen stand. Da kann er noch so einen unabstreitbaren Anteil am Gesamterfolg haben, das zeugt einfach von einem Ego, welches den Mannschaftssport übersteigt.

Klar. Auch ich finde es witzig, wenn Cristiano Ronaldo nach vergebenen Torchancen sein Gesicht derart verzieht, dass einem selbst fast die Tränen kommen. Und sein soziales Engagement ist sicher nicht zu verachten. Unabhängig davon, dass er sich das gehaltstechnisch leisten kann, man muss das erstmal machen. Vielleicht wird er in der Hinsicht aber auch lediglich gut beraten. Doch seine Aktionen auf dem Platz sprechen einfach die Sprache eines trotzigen, egoistischen Supertalents. Vorbild für Millionen.

Inszenierungsstrategien gehören heutzutage natürlich zum Sport dazu. Und Ronaldo ist ohne Frage einer der besten, wenn nicht der beste aktuelle Fußballer. Aber der Beste zu sein heißt nicht automatisch, ein großer Fußballer zu sein. Denn große Spieler haben so etwas einfach nicht nötig. Da könnte ich wirklich vor Ekel in Hotellobbys urinieren.

 

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