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Der WM-Titel: Die Krönung

Wie fängt man sowas an? Generell den „Tag danach“. Ich hoffe, man sieht mir nach, dass ich wohl etwas stark pathetisch bin. Jetzt nicht besonders analytisch schreibe, sondern einfach aus wohl etwas unreflektierter Fansichtweise, die meist verbreiteste Fußballfankrankheit. Heute ist es erlaubt. Sag ich jetzt mal so. Ich bin vielleicht ein klein wenig emotional. An diesem „Tag danach“, der – wie der Mittwoch zuvor, nach dem Halbfinale – wie in Trance anfing. Aufstehen, Kopfschmerzen ignorieren, Kaffee aufsetzen. Ins Bad. Und zwischendrin flackern immer wieder Bilder auf. Dieser Höwedes-Kopfball. Götze. Der blutende Schweinsteiger. Die Kanzlerin und Gauck beim politisch korrekten Jubel. Ein Interview von Poldi und Schweini. Ein wild fotografierender Paul Ripke im Hintergrund während..naja, eigentlich allem nach Schlusspfiff. Weinende Argentinier. Eine eskalierende Couch im eigenen Zimmer daheim. Karnevalsähnliche Zustände auf den Straßen Kölns beim Feiern danach. Viele ungläubige Gesichter nach Schlusspfiff. Und dieser wunderschöne WM-Pokal.

Ich hab‘ es ja in den letzten Beiträgen schon oft genug geschrieben: Dieser WM-Titel 2014 ist die verdiente Krönung. Was keinesfalls heißt, dass es nur ein Land verdient hätte. Allein gestern war es ultimativ knapp und so ein Tor, wie es aus dem Nichts von Schürrle und Götze produziert worden ist, hätte locker auch einfach mal auf der anderen Seite fallen können. Und dann sieht das Ganze anders aus. Fast hätte man das alles – die Siege gegen Frankreich, gegen Brasilien, gegen Argentinien (diese Aufzählung liest sich so schön, 2002 wäre das nicht so gewesen) nicht erlebt. Wenn Algerien kurz vor Schluss das Tor schießt. Im Achtelfinale. Dann ist Jogi Löw plötzlich der Buhmann und mit Sicherheit nicht mehr haltbar. Das Tempo des Tagesgeschäftes Weltmeisterschaft ist eben hoch.

Vom guten Gefühl zum schlechten Gefühl zum guten Gefühl

Es ist nun aber auch völlig egal, ob das jetzt das Glück des Tüchtigen ist oder lediglich glücklich oder einfach nur verdient. Wer hat heute auch Lust auf eine große Spielanalyse dieses Finales? Fakt ist: Der Titel ist da. Jogi Löw trotzt damit allen Kritikern und Widrigkeiten, wie es sie gestern ja auch wieder gab. Der Ausfall von Khedira kurz vorm Anpfiff – sorgenfaltenerzeugend. Die zwangsbedingte Auswechslung vom bis dahin starken Ersatz Christoph Kramer – einfach nur bitter. Zwischendrin kamen bei mir leichte Zweifel auf: Was, wenn es einfach nicht sein soll. Wenn die Mannschaften unter der Ära Löw später dafür bekannt sind, stets sehr talentiert gewesen zu sein, aber in den entscheidenden Spielen nicht das nötige Glück, oder die Cleverness hatten? Die Argentinier spielten stark, so stark wie wohl nie zuvor in dem Turnier. Bei Deutschland lief einiges schleppend, aber es waren auch zwei sehr kompakte Defensiven, ein unglaublich taktisches Spiel eben – mit einer hohen Wartezeit auf den einen, großen Moment.

Fast wäre dieser Moment schon früh an Argentinien gegangen. Herzinfarkt beim Abseitstor von Higuain. Alles ruhig für circa zwei Sekunden. Dann schreit Bartels „Abseits“. Alles rastet aus. Das Abseitstor von Higuain war der erste Treffer für Deutschland. Dennoch: Die Zweifel gingen bei mir danach noch nicht so richtig weg. Erst in der Verlängerung bekam ich mein gutes Gefühl zurück, dass ich eigentlich bis Punkt 21 Uhr mit mir durch den Tag spaziert hatte.

„Sorry, keine Zeit zum Meckern. Muss bisschen feiern.“

Ich verstehe nicht, wie es einigen Menschen gelingt, heute Negatives an diesem Titel zu finden. Die den Drang verspüren, sich selbst heute über Event-Fans, eine unausgewogene Berichterstattung beschweren zu müssen, oder süffisante Kommentare zum Thema Nationalstolz zu verfassen. Warum es heute nicht allen einfach mal egal sein kann, was sie sonst immer stört. Aber so richtig aufregen tut mich das inzwischen nicht mehr. Nach gestern kann mich heute wohl auch nichts aus der Ruhe bringen, außer einer Neuansetzung des Finales auf Geheiß von Sepp Blatter und Lionel Messi. Ich will mich nicht einmal darüber beschweren, dass Messi den Goldenen Ball bekommen hat (meiner Meinung nach eine Auszeichnung, die James Rodriguez zugestanden hätte). Heute ist einfach alles nur gut.

Man will ja auch nicht zu pathetisch klingen, aber wenn das mal erlaubt ist, dann ja wohl jetzt und heute.  Endlich mal. Einen Tag lang die Matthias-Sammer-Mahn-Funktion auf Snooze stellen und einfach nur genießen. Es wird jetzt auch interessant, die weitere Entwicklung der Spieler und des Teams zu sehen. Als amtierender Weltmeister. Viele der Spieler sind noch ziemlich jung, können mit Glück noch zwei Weltmeisterschaften spielen. An all das will man aber auch heute doch noch gar nicht denken. Keine Zukunfts-, Spiel- oder Fehleranalysen.

Doch dieses Erlebnis wird als Erinnerung bleiben. Als perfekter Abend und absolut positiv. Egal was man an Negativem noch lesen sollte, in ein paar Jahren weiß man lediglich, wo man an diesem Abend war, mit wem man das Spiel zusammen geschaut hat und wie man sich danach gefühlt hat. So muss das sein. Man hat nicht viele Gelegenheiten, mal komplett ausgelassen sein zu dürfen. Die sollte man sich nicht nehmen lassen. Denn nach einem wilden WM-Monat mit viel Schlafdefizit und ungesunder Ernährung geht es für viele jetzt eben leider wieder Back to Life.

Back to Reality.

Aber der Titel bleibt.

Fußball-Weltmeister 2014: Deutschland.

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