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Weidenfeller wankt

„Der Ball ist sehr lange geflogen, ich war sehr überrascht, dass er ins Tor geflogen ist.“

Nach der 0:1-Niederlage gegen Hannover 96 überraschte Mats Hummels mit diesem Satz. Und das nicht etwa, weil er die Tatsachen völlig verdrehen würde. Der Freistoß von Kiyotake war tatsächlich ein wenig länger in der Luft unterwegs, ehe er im Dortmunder Gehäuse einschlug. Viel mehr überraschte es, dass Hummels seinen Hintermann Roman Weidenfeller derart deutlich kritisiert.

Wenn der eigene Innenverteidiger und Kapitän der Mannschaft seinen Torhüter und WM-Kollegen öffentlich angeht, ist das kein gutes Zeichen. Es sagt einiges aus – einerseits über das etwas geschwächte Nervenkostüm der Dortmunder, andererseits auch über das vermeintlich gute Standing des Keepers innerhalb der Mannschaft. Denn aus Frust allein heraus fallen solche Aussagen meistens nicht.

Roman Weidenfeller schien nach den letzten Jahren eigentlich am Ziel sämtlicher Träume. Mit überragenden Leistungen insbesondere in Spitzenspielen verhalf er dem BVB nicht nur zu mehreren Titeln, sondern krönte seine eigene Laufbahn noch mit dem Debüt für die deutsche Nationalmannschaft im zarten Alter von 33 Jahren. Nicht unberechtigt fuhr er anschließend als erfahrener zweiter Keeper mit zur WM – und kam mit dem Titel wieder. Bei Borussia Dortmund galt er in den letzten Jahren dabei als unumstrittener Führungsspieler, war Vize-Kapitän hinter Sebastian Kehl und betonte stets, sein Karriereende in Dortmund beenden zu wollen. Die Verlängerung seines Vertrages über 2016 hinaus galt als bereits beschlossene Sache.

Der letzte Antifußball-Torwart?

Der gelernte Bürokaufmann verkörpert dabei einen Torwarttyp, der kürzlich in Tim Wiese seinen vermeintlich vorletzten Vertreter in Deutschland verloren hat: Fußballerisch stark limitierte Masse zwischen den Pfosten. Wobei gerade Weidenfeller solche Defizite während seiner Karriere mit Stärken beim Herauslaufen oder Stellungsspiel ausgleichen konnte. Während der Trend in den letzten Jahren hin zu Torhütern ging, welche vermutlich in jeder Kreisliga souverän Torschützenkönig werden würden, zeigte sich Weidenfeller unbeeindruckt konstant in seiner gewohnten Manier.

Und warum auch nicht? Der Erfolg gab ihm lange Zeit recht. Mit der ersten Krise der Borussia seit einer Ewigkeit ist jedoch auch klar, dass nach Gründen gesucht werden muss und wird. Weidenfeller trug dabei mit seinem wilden Patzer gegen den 1. FC Köln unlängst bereits zu einer der Niederlagen bei. Umso schwerwiegender wirkt daher die Kritik von Hummels nach der neuerlichen Pleite.

Das Risiko eines Wechsels

Es ist unwahrscheinlich, dass allein die jetzige Negativserie ausreicht, um den Status des über 300 Bundesligaspiele schweren Weidenfellers schon jetzt ernsthaft zu gefährden. Ein Torwartwechsel in der aktuellen Situation wäre zudem bei weitem nicht frei von Risiken. Man darf bezweifeln, dass Weidenfeller eine Rolle als Ersatztorhüter ähnlich stillschweigend akzeptiert, wie das bei der Nationalelf noch der Fall war. Hinzu kommt, dass Ersatzkeeper Langerak in den vergangenen vier Jahren nicht wirklich sichtbar als Weidenfeller-Nachfolger aufgebaut worden ist. Der inzwischen 26-jährige Australier durfte lediglich elf Pflichtspielpartien  für die erste Mannschaft der Borussia absolvieren. Dass er in diesen jedoch stets überzeugte, haben viele beim BVB nicht vergessen. Ob das reicht, um der Hintermannschaft der Dortmunder neues Selbstbewusstsein einzuhauchen, ist aber völlig unklar. Zumal dieses in Dortmund von Wettbewerb zu Wettbewerb unterschiedlich ausgeprägt zu sein scheint.

Den Posten als Vize-Kapitän war Weidenfeller zu Beginn dieser Saison bereits los. Viele vermuteten in dem Wechsel zu Marco Reus jedoch primär den Versuch, den Star mit mehr Verantwortung stärker an den Verein zu binden. Möglicherweise war es jedoch bereits mehr. Vielleicht ein wohlüberlegter Schritt von Jürgen Klopp in Richtung eines Umbruchs. Dabei wäre der Coach bei der Torwartfrage mittelfristig nicht abhängig von Langerak, denn Bewerber um einen Job beim BVB dürften zur Genüge vorhanden sein, man denke allein in der Bundesliga an einen Timo Horn, Kevin Trapp oder Ron-Robert Zieler – der erst am Samstag eindrucksvoll seine Visitenkarte in Dortmund abgab. Was bliebe, wäre die Frage nach dem optimalen Zeitpunkt. Roman Weidenfeller wankt. Und es bleibt abzuwarten, ob und wann er fällt – oder gefällt wird.

 

 

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