Artikelformat

Rücktritt des Halbgottes – Müller-Wohlfahrt geht

Boom. Gestern Abend ist eine mindestens mittelgroße Bombe in München explodiert. Der medizinische Halbgott Hans-Wilhelm Müller-Wohlfahrt, 72 Jahre alt und seit 38 Jahren im Dienst des FC Bayern München, tritt geschlossen mit Sohn Kilian, Peter Ueblacker und Lutz Hänsel als medizinische Abteilung zurück. Das zweite Mal, nachdem dies bereits in der Klinsmann-Ära 2008 geschehen war.

„Nach dem Champions-League-Spiel wurde aus uns unerklärlichen Gründen die medizinische Abteilung für die Niederlage hauptverantwortlich gemacht“ (Hans-Wilhelm Müller-Wohlfahrt).

Bislang sah die Saison der Bayern mehr als solide aus. Die Bundesliga ist fast gewonnen, im DFB-Pokal steht man im Halbfinale und die Pleite gegen den FC Porto war zwar außergewöhnlich, aufgrund der individuellen Fehler kann man jedoch von einem katastrophalen Ausnahmetag sprechen. Doch seit gestern liegen die Dinge nun wirklich im Argen.

Der Krug geht solange zum Brunnen, bis er bricht?

Das angespannte Verhältnis zwischen Guardiola und der medizinischen Abteilung war seit der Thiago-Verletzung auch für die Öffentlichkeit kein Geheimnis mehr. Der Arzt hat unter Sportlern längst den Status eines Halbgottes und hat dadurch sicher keinen allzu großen Mangel an Selbstbewusstsein. Der Arzt setzte sich, wie meistens beim FC Bayern, durch. Man schien sich aneinander zu gewöhnen.

Doch die Verletztenmisere hatte sich zuletzt immer deutlicher auf das Spiel der Bayern ausgewirkt. Mit Alaba, Martinez, Ribery, Robben, Benatia und Schweinsteiger fehlen sechs Top-Spieler komplett, mit Pizarro und Badstuber sind zwei weitere scheinbar ebenfalls nicht sonderlich fit. Die Bayern mussten gegen den FC Porto bereits die Bank mit einem dritten Torwart ausfüllen, im Spiel war dann Holger Badstuber gar die zweite Wechseloption – weil ansonsten nur Weiser, Gaudino und ein stets von muskulären Problemen geplagter Pizarro zur Verfügung gestanden hätten

Fataler Zeitpunkt, fatale Außendarstellung

Der Zeitpunkt und die Art des Rücktritts überraschen jedoch zweifelsohne. Nicht, dass es innerhalb der wohl entscheidenden Saisonphase nicht generell schon katastrophal für den deutschen Rekordmeister wäre, die medizinische Abteilung auf einen Schlag zu verlieren. Nein, verwundert konnte man auch sein, dass die Meldung erst gestern Abend durchsickerte – zu einem Zeitpunkt, wo keiner der Verant-wortlichen beim FC Bayern noch groß reagieren konnte. Pressesprecher Hörwick ließ lediglich verlauten, dass man nichts über den Rücktritt wisse. Die vielleicht größte Überraschung der ganzen Geschichte in Zeiten der durch und durch professionalisierten Sportart, wo Skandale wenn möglich im Keim erstickt werden.

Moderner Journalismus: Zeit zum wilden Spekulieren

Die Presse hatte dementsprechend bis jetzt noch keine genaueren Informationen außer der Rücktrittserklärung der medizinischen Abteilung. Das gab und gibt natürlich Raum für Spekulationen – schließlich wollen Millionen Fußballfans möglichst schnell Hintergründe zu dem Szenario erhalten. Warum genau die medizinische Abteilung Schuld an der Niederlage sei, ist nämlich alles andere als geklärt. So wird bei Sport1 auch schon kräftig drauflos spekuliert (man beachte den Hashtag):

Ribery kommt seit Wochen nicht mehr richtig in Tritt, nachdem eine vermeintlich harmlose Sprunggelenksverletzung ihn zu einer Pause zwang.  Auch eine Szene vom Pokalspiel gegen Leverkusen dient den Medien als Anlass zur Legendenbildung. Nach der Verletzung von Medhi Benatia geht Guardiola hämisch klatschend in Richtung Bank. Auf der Bank sitzen: Co-Trainer Domenec Torrent, Co-Trainer Herrmann Gerland und Matthias Sammer.

Guardiola mag mit der medizinischen Abteilung nicht immer d’accord gewesen sein. Doch die Schuld für Niederlagen hat er stets bei sich selbst gesucht. Fraglich, ob ein direkter Angriff auf Müller-Wohlfahrt wirklich von ihm kam – oder etwa von einem Sammer oder Rummenigge befeuert worden ist.

Abwarten auf die Presseerklärung

Und obwohl man derzeit nach Hinweisen sucht, die diese drastische Entwicklung erklären, bleibt hier nur zu sagen: Die Medien bedienen sich jeglichen Mitteln für wilde Spekulationen, um das Unerklärbare möglichst schnell zu erklären. Klar ist jedoch, dass nichts klar ist. Außer: Beim FC Bayern brechen gerade so einige Dämme. Mit etwas Pech verspielt man innerhalb der nächsten 12 Tage die beiden Pokalwettbewerbe und steht am Ende zwar vermutlich mit der Meisterschaft da – aber mit einem Knall, der derzeit ganz stark an längst vergangen geglaubte FC Hollywood-Zeiten erinnert.

Man kann sich lebhaft vorstellen, wie es derzeit in der Presseabteilung des FC Bayern zugeht. Eine Meldung muss nun raus, so schnell wie möglich, um den Schaden zu begrenzen. Bis dahin wird wild weiter spekuliert werden. Die Ereignisse der letzten Stunden werden Wellen schlagen. Man darf gespannt sein. Doch für Guardiola könnte es, sollte er den Spekulationen entsprechend die Ursache hinter dem Rücktritt sein, der Beginn einer schweren Zeit werden bei der bislang recht harmonisch wirkenden Ehe mit den Münchnern.

 

+++Update (11:45 Uhr)+++

Pressemitteilung des FC Bayern München ist raus. Um 12 Uhr folgt eine PK mit Guardiola (eigentlich zur Bundesliga-Partie gegen Hoffenheim).

Der FC Bayern München hat mit Bedauern die Entscheidung von Vereinsarzt Dr. Hans-Wilhelm Müller Wohlfahrt (72), seine medizinische Tätigkeit für den Klub niederzulegen, zur Kenntnis genommen. Speziell Dr. Müller-Wohlfahrt, aber auch sein Team, haben in den zurückliegenden Jahren erstklassige Arbeit für den Klub und seine Spieler geleistet. Hierfür gilt unser ausdrücklicher Dank.

1 Kommentar

  1. Pingback: Rücktritt des Halbgottes – Müller-Wohlfahrt geht | re: Fußball