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Sepp Blatter: Niedergang des Imperators

Das Undenkbare ist passiert. Sepp Blatter, seit 1975 bei der FIFA und seit 1998 federführend als Präsident im Amt, ist von selbigem zurückgetreten. Zu rechnen war damit vor allem zu diesem Zeitpunkt keineswegs. Erst am vergangenen Wochenende hatte sich Blatter unter großem Theater erneut zum Präsidenten küren lassen – und die Kritiker, insbesondere aus der UEFA, durften nach den Worten Blatters böses befüchten.

Ich verzeihe, aber vergesse nicht. (Sepp Blatter)

Die Probleme der FIFA wollte man natürlich, wie immer, gewissenhaft angehen und die Umstrukturierungen vorantreiben. Das betonte gerade Blatter immer wieder. Nach der Wahl schien es, lediglich das natürliche Dahinscheiden könnte den diktatorisch anmutenden Herrscher des Fußballs eines Tages aufhalten. Denn trotz aller Kritik, die sich über Jahrzehnte intern und extern geäußert hat, trotz aller Verfahren, die gegen die FIFA liefen – Sepp Blatter blieb an der Spitze und verteidigte diese bis zum bitteren Ende. Oder zumindest bis kurz davor. Denn für den jetzigen Rücktritt gibt es nur eine Erklärung: Der aktuelle Skandal scheint sich so langsam eben doch auf den Schweizer auszuweiten, und mögliche Verfehlungen können ihm dabei nachgewiesen werden.

Ist die „rechte Hand“ Schuld?

Bereits zuvor war durch die New York Times bekannt geworden, dass FIFA-Generalsekretär und treuer Blatter-Gefolgsmann Jerome Valcke die zehn Millionen Dollar an den Ex-Vizepräsidenten Jack Warner für dessen Stimme bei der WM 2010 für Südafrika überwiesen haben soll. Jerome Valcke hat eine Figur, wie man sie leider fast vom Generalsekretär der FIFA erwartet. 2003 als Direktor Marketing & TV eingestellt, verhandelte er seit 2004 bereits mit Visa – trotz eines existierenden Vertrags und Erstverhandlungsrecht mit Konkurrent MasterCard. 2006 wurde die FIFA daher zu 60 Millionen Euro Strafe verurteilt, Valcke wurde entlassen – um ein Jahr später von Blatter als neuer Generalsekretär vorgestellt und gewählt zu werden.

Starke Leute holt man zurück. Als er vor viereinhalb Jahren seine Tätigkeit als Direktor Marketing und TV in der FIFA aufnahm, steckten wir in roten Zahlen. Jetzt verfügen wir über ein Vermögen von 752 Millionen Schweizer Franken (Sepp Blatter, 2007)

Valckes Tage bei der FIFA dürften ebenso gezählt sein wie die von Sepp Blatter. Und all das ist ein mehr als berechtigter Grund für den Jubelaufschrei unter Fans, Experten und Medien innerhalb der letzten Stunden. Doch allen Beteiligten ist auch klar: Das ist erst der Anfang. Die Frage ist aber: Was nun?

Kurzfristig kommt es drauf an, die FIFA neu zu ordnen. Nach den Formalien wäre der erste Vizepräsident automatisch Nachfolger. Das wäre der Afrikaner Issa Hayatou. (Wolfgang Niersbach)

Zwielichte Nachfolger

Issa Hayatou stand – wie soll es anders sein – selbst bereits bei Schmiergeldzahlungen in der damaligen Causa mit dem Sportrechtehändler ISL im Blickpunkt. Die bisherige FIFA-Führung müsste sich schon komplett austauschen lassen, um eine kleine Chance auf eine wirkliche Verbesserung der Zustände zu ermöglichen. UEFA-Präsident Platini, der sich in den vergangenen Tagen immer deutlicher von Blatter distanziert hat, galt früher einmal als dessen designierter Nachfolger. Passend dazu gab es um ihn insbesondere um die WM 2022 in Katar einiges an negativer Berichterstattung. Auch wegen der WM 2010 wurde gegen ihn ermittelt. Nach dem Rückzug Blatters wäre ein erneuter Vorstoß Platinis in Richtung FIFA-Präsidentenamt gut vorstellbar. Doch auch der jordanische Prinz Ali bin al-Hussein steht für Neuwahlen bereit. Der 39-jährige ist noch ein relativ unbeschriebenes Blatt im Weltfußball – einer der Betriebe, wo das etwas ausnahmslos Gutes ist.

Ob das aber reicht, um Präsident zu werden? Denn der wirkliche Fehler der FIFA liegt eben in der Struktur. Und die vielgepriesenenen „strukturellen Änderungen“ durchzusetzen wird eine spaßige Angelegenheit:

Das Problem ist, dass alle 209 Mitgliedsverbände eine Stimme haben. Dies zu ändern, benötigt eine Dreiviertel-Mehrheit beim Kongress. Hierzu wird es nie zu kommen. (Wolfgang Niersbach)

Der Gang-Boss stirbt – Kampf um das Gebiet

Man kann sich das in etwa so wie bei dem Tod eines Gang-Bosses vorstellen, der ein bestimmtes Territorium kontrolliert. Anschließend kann es zu blutigen Kämpfen kommen. Die UEFA kann mit ihren 53 Stimmen machen was sie will – es wird im Endeffekt auch für den neuen Kandidaten darauf ankommen, ob dieser auch Asien, Amerika oder Afrika hinter sich bringen kann.

Denn man darf nicht vergessen: Wie einig sich die Welt doch öffentlich über Sepp Blatter war, er sammelte über Jahren die Stimmen vor allem dieser Konföderationen. Er erhielt auch am Freitag 133 der 209 Stimmen im ersten Wahlgang gegen den Jordanier – was bereits als Erfolg für Blatter-Gegner gewertet wurde. Diese Stimmen symbolisieren Gefolgsleute Blatters. Und auch wenn sicherlich nicht jeder von diesen bis aufs tiefste im Korruptionsskandal steckt, so ist zu vermuten, dass Blatter nicht aufgrund seiner Sprachkenntnisse und dem unwiderstehlichen Lächeln all diese Stimmen über Jahre zusammenhalten konnte. Ein neuer Wahlkampf droht schnell wieder in eine ähnliche Richtung abzudriften wie die vergangenen.

Alibi gegen den Boykott

Der Blatter-Rücktritt gibt den Verbänden der UEFA, welche zumindest halbwegs ernsthaft über einen Boykott der Turniere nachgedacht haben könnten, ein Alibi. Vielleicht wäre erst ein kompletter Zerfall der FIFA notwendig gewesen, um im Fußballgeschäft vernünftig aufzuräumen. Die Neuvergabe der umstrittenen Weltmeisterschaften in Russland und Katar dürfte dabei, obwohl von vielen gehofft, so schnell kein Thema werden. Die strukturellen Gegebenheiten und die Unklarheit, welche Personen wie in die Machenschaften der vergangenen Jahrzehnte involviert sind bergen große Risiken für eine Fortsetzung der Scharade. Der Imperator ist weg. Die Frage ist, ob das Imperium nicht doch noch einmal zurückschlägt.