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Mirko Slomka – Zu früh und zu spät entlassen

Der Hamburger SV beweist dieser Tage mal wieder sein Feingefühl in Sachen Trainerpolitik. Nach drei Spieltagen geht die erste Trainerentlassung der Bundesligasaison aufs Konto der Hanseaten, die nach einem Punkt aus drei Spielen schneller wieder in die unteren Tabellenregionen zurückfanden, als Dietmar Beiersdorfer und Co. wohl recht wäre.

Dabei hatte man im Sommer doch das Gefühl, dass sich etwas ändert. Mit Beiersdorfer kam ein intelligenter Mann mit Erfahrung in Sachen HSV zurück, Onkel Kühne ließ wieder einmal ein bisschen Kohle springen und der HSV befand sich in einem Wandel. Das sollte auch die Transferpolitik beweisen. Am Ende der Transferperiode kamen 13 neue Spieler, 14 gingen. Der Neustart sollte mit einer komplett überarbeiteten Truppe mit überarbeitetem Vorstand und überarbeitetem Gesamtkonzept des Vereins statt-finden. Doch immer wieder kam bereits zu Beginn der Vorbereitung die Frage auf: Mit oder ohne Slomka?

Eine mäßige Bewerbungsmappe

Auch Rafael van der Vaart stand auf dieser Kippe. Nach einer fatalen Saison war sein Platz beim HSV alles andere als bombenfest – inzwischen spielt er als Kapitän und versucht mit 31 Jahren vielleicht noch einmal sein Potenzial auszuspielen (das ja früher mal darüber hinausging lediglich erschöpft um den Mittelkreis herumzutrotten). Und auch Slomka durfte bleiben. Öffentlich angezählt vor dem ersten Spieltag. Die bekanntlich beste Grundlage für eine vertrauensvolle Zusammenarbeit.

Mit 63 % verlorener Spiele als Trainer des HSV hinterlässt Slomka einen Negativrekord. Hart erarbeitet seit seinem Einstieg im Februar 2014, wo er jedoch eine völlig demoralisierte Truppe vorfand, die bereits die Entlassungen von Thorsten Fink und Bert van Marwijk in der Saison miterlebt hatte. Dennoch gelangen immerhin respektable Siege gegen Dortmund und Leverkusen. Sonst allerdings nicht viel. Höhe- bzw. gefühlter Tiefpunkt war die erfolgreiche Relegation gegen Greuther Fürth mit zwei teils schmei-chelhaften Unentschieden. Doch wie gesagt: Ob das allein an Slomka liegt, ist fraglich.

Es wäre hart gewesen, den Trainer nach dem Abschluss der Saison direkt zu entlassen. Um des Neuanfangs willen eventuell verständlich, aber hart. Das man sich dann für die mittlere Fahrweise entschied, den Trainer öffentlich zu schwächen aber im Amt zu behalten, mag dem ein oder anderen als nicht besonders clever erscheinen. Klar war: Wenn der Start nicht sitzt, ist Slomka weg. Und man braucht dann einen Trainer, ohne richtige Vorbereitung mit der Mannschaft, mit eventuell neuen Ideen. Slomka selbst kann einem fast schon Leid tun.

Neue Mannschaft – alte Ergebnisse

Slomka, der zehnte Trainer in vier Jahren, hätte natürlich auch den Start besser hinlegen können, kann man argumentieren (Trai-nerübersicht s.u.). Einem 0:0 in Köln folgten ein grauenhaftes 0:3 gegen Paderborn und ein 0:2 bei Hannover 96. Drei Spiele, ein Punkt, kein Tor. Gegen Hannover befanden sich dabei sieben Spieler in der Startelf, die letzte Saison nicht bei der Saisonmisere des HSV beteiligt waren (Green, Holtby, Cleber, Ostrzolek, Stieber, Behrami, N. Müller).

Wie lange so eine Mannschaft eventuell benötigt, um sich einzuspielen, da immerhin drei der sieben Spieler erst in quasi letzter Minute zum HSV transferiert worden waren, ist eventuell auch eine Frage, die man sich in diesem Zuge stellen kann. Das mit Calhanoglu der Top-Mann der vergangenen Saison nicht mehr dabei ist und Top-Torjäger Lasogga mit Verletzungen zu kämpfen hatte kommt erschwerend dazu. Man kann sich auch fragen, ob der Trainerwechsel nach drei Spieltagen und vor dem Heimspiel gegen den FC Bayern München die notwendige Maßnahme ist. Sollte ein neuer Trainer schnell präsentiert werden, erwarten ihn mit den Bayern und Gladbach direkt Aufgaben im oberen Schwierigkeitsbereich – man darf gespannt sein, ob sich das bereits jemand neues antut. Eventuell sitzt ja auch einfach doch wieder der zweimalige Interimstrainer und zwischenzeitlich rausgeworfene Rodolfo Esteban Cardoso am Spielfeldrand.

Zu vermuten ist: Slomka hätte die Kurve auch in den nächsten Spielen nicht gekriegt. Insofern ist die Entlassung zwar nachvoll-ziehbar. Im Endeffekt kann man also argumentieren, Slomkas Entlassung sei überfällig und somit korrekt. Man kann aber auch einfach sagen: Die Entlassung kam zu früh – und gleichzeitig zu spät.

 

Die letzten Trainer der Hamburger und ihre Statistiken:

01.07.09-26.04.10 – Bruno Labbadia (12S, 12U, 8N)
26.04.10-30.06.10 – Ricardo Moniz (1S, 1U, 0N)
01.07.10-13.03.11 – Armin Veh (11S, 4U, 11N)
13.03.11-19.09.11 – Michael Oenning (1S, 6U, 7N)
19.09.11-10.10.11 – Rodolfo Cardoso (1S, 0U, 1N)
10.10.11-16.10.11 – Frank Arnesen (1S, 0U, 0N)
17.10.11-16.09.13 – Thorsten Fink (21S, 18U, 25N)
17.09.13-24.09.13 – Rodolfo Cardoso (0S, 0U, 1N)
25.09.13-15.02.14 – Bert van Marwijk (3S, 3U, 9N)
17.02.14-15.09.14 – Mirko Slomka (3S, 3U, 10N)

 

 

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