Artikelformat

Der VfB Stuttgart – Und wieder einmal Korkut

Vor ziemlich genau einem Jahr war noch alles rosig beim VfB Stuttgart. Der Absteiger grüßte in Liga 2 von der Tabellenspitze, unter dem elanvollen Trainer Hannes Wolf hatte sich eine schlagkräftige Truppe versammelt. Die größte Frage nach dem gelungenen Aufstieg schien: Schafft es der VfB, Simon Terodde zu halten? Wandert Hannes Wolf etwa als Tuchel-Nachfolger zum BVB ab, bei dem er immerhin von 2009-2016 in verschiedenen Positionen bereits tätig war? Wolf wurde in einem Atemzug genannt mit jungen Trainern wie Julian Nagelsmann und Domenico Tedesco. Der VfB Stuttgart schien sich früh eins der größten Trainertalente gesichert zu haben.

Neues Jahr, andere Fragen

Nun, Fußball ist schnelllebig. Ein halbes Jahr später spielt Simon Terodde beim 1. FC Köln – und Hannes Wolf ist seit Sonntag Geschichte. Das wird stark betrauert von Stuttgarter Fans und Fußballblogs, während Sportvorstand Michael Reschke von Zweifeln bei Hannes Wolf berichtet, die eine Entlassung rechtfertigten.

Es passiert selten, dass ein Trainer von sich aus dem Vorstand eine so gute Möglichkeit gibt, ihn auszutauschen. Nicht, dass es das bräuchte. Trainer haben im Fußballgeschäft kaum eine Chance auf ein nachhaltiges Verhältnis, im Strudel aus Medienberichten, Fanprotesten und internen Machtstreitereien enden die meisten Engagements schneller als ein Bachelorstudium in Regelstudienzeit. Dennoch bemüht sich Michael Reschke, die unpopuläre Entlassung öffentlichkeitswirksam mit den Aussagen Wolfs zu rechtfertigen. Die Frage ist: Reicht das aus?

Die ersten Zweifel reichen aus

So sehr junge Trainer derzeit gefeiert werden, umso mehr scheint man von ihnen zu erwarten. Unter dem enormen Druck im Profigeschäft ist auch für sie keine schwache Sekunde erlaubt. Vor allem keine Selbstzweifel. Reschke hatte Wolf bereits im Vorfeld der Partie gegen den FC Schalke 04 (0:2) indirekt attackiert. Inwiefern das bei Wolfs selbstkritischen Aussagen mit hineinspielte, bleibt Spekulation. Ob man als Vorstand in so Situationen mit einem jungen, talentierten Trainer direkt das Aus forcieren muss – fraglich. Vor allem, wenn man sieht, wer nun in Stuttgart das Zepter in der Hand hält.

Das Mysterium Tayfun Korkut

Tayfun Korkut (43). Der wurde in Stuttgart geboren – und das bleibt bislang das stärkste Argument für seine Verpflichtung. Der ehemalige türkische Nationalspieler begann seine deutschen Trainererfahrungen bei der Hoffenheimer Jugend. Das klingt vielversprechend. Julian Nagelsmann, Domenico Tedesco und andere haben ihren Weg darüber in den Profibereich geschafft. Für Korkut ging es erst einmal nach Hannover, wo er die Mannschaft in der Rückrunde von Platz 13 auf Platz 10 führte. Es sollte sein trainertechnisches Karrierehighlight sein.

Nach einer zugegeben ordentlichen Hinrunde war nach 13 sieglosen Spielen in der Rückrunde Schluss (insgesamt: 48 Spiele, 15 Siege, 11 Unentschieden, 22 Niederlagen) – und es ging 2016 nach Kaiserslautern. Dort beendete er den Vertrag im Winter auf eigenen Wunsch – mitten im Zweitliga-Abstiegskampf (4 Siege, 7 Unentschieden, 7 Niederlagen).

Vom Zweitligaabstiegskampf zum Champions-League-Kader

Nach derartigen Erfolgen erschien es nicht unbedingt logisch, dass er im März 2017 die Nachfolge von Roger Schmidt bei Bayer Leverkusen antrat. Aus zwölf Spielen holte er zwei Siege (6 Unentschieden, 4 Niederlagen) und zeigte sich am Saisonende verwundert, dass es nicht zu einer langfristigen Einstellung kam.

Vielleicht tut man Korkut Unrecht. Bei Hannover zeigte die Mannschaft ordentliche Ansätze, in Kaiserslautern ist auch ohne Korkut nicht alles im Lot und Bayer Leverkusen übernahm er im Abstiegskampf der Fußball-Bundesliga. Abgestiegen ist er weder mit Hannover, noch mit Leverkusen. Nicht mehr ist auch sein Ziel in Stuttgart.

Wer junge Trainer hyped, sollte auch Rückschläge aushalten

Doch die Frage, die sich jedoch unweigerlich stellt, ist: Hätte man einen jungen Coach wie Hannes Wolf nach einem so schweren Schlag wie in der Partie gegen Schalke 04 nicht stützen können? Seine Aussagen nach dem Spiel nicht zu sehr auf die Goldwaage, und am nächsten Tag nochmal alles in Ruhe besprechen können? Klar. Korkut, war nicht die Lösung Nummer 1 in Stuttgart. Wie groß man wohl die Chance beziffert hatte, tatsächlich Thomas Tuchel zu bekommen, ist dabei irrelevant.

So bleibt ein fader Beigeschmack – und während Hannes Wolf mit Sicherheit eine zweite Chance erhalten wird, muss der VfB Stuttgart nichtmal ein Jahr nach purer Euphorie zusehen, nicht in einer Endlosschleife zu landen. Das sich unter Stuttgarter Fans seit der Ankunft Michael Reschkes schon Begriffe wie Reschkerampe eingebürgert haben, um seine Transferpolitik zu beschreiben, zeigt auch: Der ehemalige Scout-Guru von Bayer Leverkusen und Bayern München tut sich schwer mit der Akzeptanz. Und könnte so nach Wolf die nächste Person sein, bei der sich innerhalb von 12 Monaten das öffentliche Standing ändert.

 

Kommentare sind geschlossen.