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Thomas Müller: Nieder mit dem Unikat!

„In den Testspielen hat man bei uns selten den Eindruck, dass wir an die 100 Prozent rankommen. Man ertappt sich dabei, dass man den letzten Schritt nicht aggressiv genug macht.“ (Thomas Müller)

Thomas Müller – das ist ein Unikat. Sagen alle. Von der Presse stets gefeiert aufgrund seiner Kreativität – eben auch abseits des Platzes. Während ein Mesut Özil oder Mario Götze brav die in der Medienschulung auswendig gelernten Sätze vortragen, um sich keinen Fauxpas zu leisten, zählte Müller stets zu denen, die durch eine Mischung aus Sarkasmus, Intelligenz und entwaffnender Ehrlichkeit auch mal schlagzeilenträchtige Aussagen tätigen durften, ohne dass diese ihm schadeten. Die Presse freut sich über einen derartigen Ansprechpartner. Und gibt nun doch ihr Bestes daran, diesen zu zerstören.

Die Testspiele der Fußballnationalmannschaft sind in den letzten Jahren bereits nicht unbedingt als Pflichttermine für Fußballfans wahrzunehmen gewesen. Attraktive Gegner wie England und Italien, mit denen man das Produkt „Die Mannschaft“ besser vermarkten kann, sollten dem sicher auch entgegenwirken.

Die Maschinen menscheln

Für die Spieler sind diese prestigeträchtigen Duelle natürlich ein Traum. Grundsätzlich. In den großen Turnieren. Im März jedoch befinden sie sich zwischen Liga-Endspurt, Abstiegskampf oder Champions- bzw. Europa-League-Terminen. Sie haben zu dem Zeitpunkt oftmals bereits weit über 30-50 Spiele seit Saisonbeginn absolviert, und die wichtigsten Partien stehen noch aus. Irgendwo zwischen der vermeintlichen Ehre, sein Land zu vertreten, und der Gewissheit, seine Kräfte möglichst gut einzuteilen, lässt sich leicht ein mögliches Dilemma hinsichtlich der richtigen Einstellung für die Spieler erkennen.Das ist, wie auch Deutschlands Co-Trainer Thomas Schneider einräumte, nur menschlich.

Eine Verletzung in einem dieser Marketing-Spiele, die gute Tests für verschiedene Formationen und Taktiken sind, deren Ergebnisse aber so kurzlebig sind wie die Karriere von Sinan Kurt beim FC Bayern, und der Spieler verpasst möglicherweise die restlichen Highlights der Saison.

Konflikte schaffen, Unikate zerstören

Seit Jahr und Tag werden Spieler von Reportern nach dürftigen Leistungen im DFB-Trikot daher nach einer möglichen Konzentrationsschwäche gefragt, die durch den Freundschaftsspielcharakter bedingt ist. Nun wagte Thomas Müller es, diese Frage ehrlich zu beantworten, sich sogar selbst die Unkonzentriertheit einzugestehen. Und musste nach dem Länderspiel gegen Italien umdenken.

„Ich werde mir eine kleine Notlüge ausdenken, dann läuft es vielleicht besser für mich in den nächsten zwei Tagen.“ (Thomas Müller bezogen auf derlei Situationen in der Zukunft)

Ein wenig trotzig klingt es. Die Genervtheit lässt sich jedoch nachvollziehen. Auch andere Spieler werden sich die Wirkung der Worte von Thomas Müller in den Medien ganz genau angeschaut haben. Diese nutzten Müllers Aussagen teilweise für Kritik. Teilweise versuchten sie jedoch auch ganz perfide, von eigener Kritik abzusehen – und diese von Mitspielern kommen zu lassen, indem sie insbesondere das Zitat von Toni Kroos entgegen stellten, Spieler die nicht gewinnen wollten, können auch „zuhause bleiben“. Ohne natürlich, dass dies auf Thomas Müller bezogen wäre.

Konflikte schaffen, wo keine sind, den Kontext von Aussagen leicht verändern – es ist mittlerweile wohl eben geradezu zu einem bedauerlichen Reflex verkommen. Gerade bei einem Spieler wie Müller braucht es so etwas eigentlich nicht, um einen Unterhaltungswert um das Spiel herum zu generieren. Und so muss es niemanden wundern, wenn wir in Zukunft noch mehr Interviews bekommen, wo sich die Spieler mit hängendem Kopf an den Unterricht zu erinnern versuchen, der sie vor möglichen Fehltritten warnt.