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Thomas Tuchel und die vergebliche Sehnsucht nach dem Ex

Die Tage von Thomas Tuchel in Dortmund scheinen, wenn man die Berichterstattung der letzten Tage verfolgt, nach zwei Saisons dem Ende entgegen zu gehen. Tuchels Berater spricht zwar öffentlich davon, dass das „Ziel ist, dass Thomas beim BVB bleibt“. Aber wenn einem in der Schule der Lehrer sagte, dass das „Ziel ist, dass du die Klasse schaffst“, wusste man zugleich: Es wird also ne enge Nummer.

„Unser Ziel ist es, dass Thomas beim BVB bleibt und dass sich alles wieder beruhigt. Für mich ist es wichtig, dass Thomas Tuchel in dieser Sache nicht weiter beschädigt wird. Thomas war und ist in allen seinen Aussagen sehr ehrlich und aufrichtig.“

(Tuchel-Berater Olaf Meinking zu Sport1)

Das fehlende Pöhler-Lächeln

Früh nach der für BVB-Fans legendären Klopp-Ära, bereits zu Tuchels Inthronisierung im Sommer 2015 war klar: Mit dem neuen Trainer wird einiges anders. Mit einem Mann, der sich mit Pep Guardiola nicht nur zum Abendessen trifft, sondern dessen Stil insgesamt verdächtig an den Spanier erinnert. Dessen Gemeinsamkeiten mit Klopp außer den Arbeitgebern Mainz und Dortmund und einer inflationären Nutzung des Wortes „brutal“ schon verstärkt gesucht werden müssen. Der sollte jetzt nach einer jahrelangen innigen und gut vermarktbaren Liebesbeziehung zwischen Klopp und dem BVB die Lücke füllen. Sportlich ist ihm das, die Grundvoraussetzungen betrachtet, gelungen. Auf den anderen Ebenen kämpft er bis heute um Boden.

Die Debatte rund um die Champions-League-Begegnung gegen Monaco kurz nach dem Anschlag hat das bereits angeschlagene Verhältnis endgültig beschädigt. Nach den Aussagen der letzten Tage scheint es nahezu unvorstellbar, wie Tuchel und der BVB noch langfristig erfolgreich miteinander arbeiten wollen – zumal es aus Spielerkreisen inzwischen auch Signale gegen Tuchel zu geben scheint.

Die Sehnsucht nach Jürgen

Dabei ist es im konkreten Fall schwer vorstellbar, dass ein Jürgen Klopp großartig anders reagiert hätte als Thomas Tuchel. Auch er hatte die Neuansetzung der Partie gegen Monaco kritisiert. Doch allein seine freundschaftliche Nähe zum Vorstand hätte die Kommunikation erleichtert.

Die Sehnsucht nach Jürgen Klopp ist eben auch zwei Jahre nach dessen Abgang in die Premier League spürbar. Und die Suche nach einem neuen Verkörperer des „Echte Liebe“-Slogans läuft nach wie vor.

Fehlende Alternative

Sieht man auf den Trainermarkt, scheinen grundsätzlich einige Optionen vorstellbar. Der ehemalige U23-Trainer der Dortmunder David Wagner ist mit Huddersfield Town als 5. solide in der zweiten englischen Liga unterwegs. Dem Trauzeugen von Jürgen Klopp mangelt es dabei an internationaler Erfahrung und, ja, er ist eben mit Huddersfield Town als 5. solide in der zweiten englischen Liga unterwegs.

In eine ähnliche Richtung geht Hannes Wolf, jahrelang in der Nachwuchsarbeit beim BVB involviert und mit dem VfB Stuttgart immerhin kurz vor dem Bundesligaaufstieg. Ob er den Verein danach verlassen würde?

Ein paar unrealistische Namen – und Julian Nagelsmann

Die medial gehandelten Namen wie Lucien Favre, Jorge Sampaoli oder Diego Simeone scheinen nur allzu unpassend zu sein, auch Jürgen Klopp Himself wird natürlich nicht zurückkehren. Bleibt noch Julian Nagelsmann. Das vielfach beachtete Trainertalent könnte den Sprung auf das nächste Level bereits sehr früh wagen – auch ohne großartige internationale Erfahrung vorweisen zu können.

Der 29-Jährige hat in der Vergangenheit stehts betont, sich viel vorstellen zu können, aber damit keine Eile zu haben. Die TSG Hoffenheim jetzt zu verlassen würde dem ein wenig im Wege stehen. Andererseits kommen bestimmte Angebote nur zu einem bestimmten Zeitpunkt.

Top-Wahl: Thomas Tuchel?

Aber wer kennt den Verein, die Spieler und hat in der Vergangenheit Erfolge in Drucksituationen vorzuweisen? Genau. Thomas Tuchel hat sich in diesem Umbruchprozess der Dortmunder Borussia als überaus erfolgreich erwiesen. Was ersportlich nach dem Wegfall von Gündogan, Hummels und Mkhytarian diese Saison mit dem BVB gegen alle Widrigkeiten geleistet hat, ist ohne Zweifel herausragend. Wahrscheinlich gibt es kaum eine bessere Option für den Trainerposten derzeit.

Doch die zwischenmenschlichen Probleme machen eine Trennung schwer vermeidbar. Auf das Gespräch nach Saisonende darf man jetzt zumindest gespannt sein. Der BVB muss langfristig die Trennung von Jürgen Klopp emotional überwinden. Und wer weiß, ob das nicht doch noch gelingt. Hin und wieder klappt so eine Versetzung ins nächste Schuljahr schließlich auch.