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Tim Krul und die Generalabsolution für Torhüter

Linksaußen und Torhüter haben eine Macke. So sagt man es sich im Fußball. Ausleben darf die aber nur einer im Fußball: Denn für den jeweiligen Torwart einer Mannschaft gelten immer ein paar Sonderregeln. Im Fünf-Meter-Raum genießen  Torhüter Generalabsolution. Da kann der gegnerische Stürmer nur einen Sprung angedeutet haben, der Torwart in seinen eigenen Mitspieler rennen oder dem gegnerischen Stürmer beide Knie in den Bauch rammen – gepfiffen wird quasi immer das Offensivfoul. Das Torwartsein ist jedoch auch nicht gerade risikofrei. Jeder, der die Hände eines ehemaligen Torwarts schon einmal gesehen hat, weiß das.

Eine andere Regel, die, dass ein Torwart den Ball nur sechs Sekunden in besagten, oft stark gezeichenten Händen halten darf, würde dagegen wohl aktuell entweder von 90 % der aktuellen Schiedsrichter bei einem Spontan-Test falsch beantwortet werden, oder es ist mittlerweile allen einfach nur egal, dass vor allem mit zunehmender Spielzeit gut und gerne die doppelte Zeit benötigt wird, um den Ball abzuschlagen. Früher gab es da noch eine Vier-Schritte-Regel. So ein paar indirekte Freistöße als Zeichen könnten das Spiel meiner Meinung erheblich beschleunigen. Aber die WM ist wohl der falsche Zeitpunkt, so etwas anzufangen..

Gefeiert, vergöttert, verhasst.

Das alles ist ja irgendwo auch gar nicht mal so unverständlich, denn als Torhüter hat man es eben nicht leicht. Man macht oft eine Achterbahnfahrt durch – vom Volkshelden zum Deppen der Nation.

Und das alles manchmal binnen weniger Momente.

Allein die WM zeigte bisher eine Fülle an Spielen, wo der Torwart zu der entscheidenden Figur wurde. So wurden Mexikos Ted-Mosby-Verschnitt Ochoa gegen Brasilien, Neuer gegen Algerien (und Frankreich) und US-Keeper Howard gegen Belgien in den Götterstatus gehoben, dagegen Spaniens Casillas oder Russlands Akinfeev zu tragischen Figuren durch Fehler. Nigerias Enyeama machte im Achtelfinale gegen Frankreich eine überragende Partie – 79 Minuten lang. Dann folgten zwei Gegentore, an denen er nicht ganz unschuldig war. So schnell kann es gehen.

Jetzt kam im Viertelfinale ein neuer Torwart ins Spiel: Tim Krul. Der Ersatzkeeper der Niederlande, unter Vertrag bei Newcastle United. Von Trainer Louis van Gaal in der 120. Minute eingewechselt, als klassischer Elfmeter-Torwart (trotz einer bis dahin nicht überdimensional starken Quote von 2 gehaltenen bei insgesamt 20 Elfmetern). Ein nicht komplett neuer, aber eher ungewöhnlicher Move. Krul hielt zwei Elfmeter, rettete den wankenden Holländern den Arsch und wurde natürlich gefeiert. Unvergessen dabei, wie er vor den Elfmetern vor dem Kasten hin- und herlief, zu den Schützen ging und ein wenig Trash Talk betrieb, selbst nach verwandelten Elfmetern den Schützen noch ein paar Gesten und Worte mit auf den Weg zurück gab.

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Die Meinungen scheinen gespalten zu sein, ob so etwas unfair ist oder einfach dazu gehört. Fakt ist: Der Schiedsrichter hätte den Torwart schon einmal ein wenig energischer darauf hinweisen können, wo sein Platz ist, was so die Do’s and Dont’s sind. Klar, so etwas gehört ein Stück weit alles dazu, ich weiß. Ich habe ebenfalls darüber nachgedacht, wie ich empfunden hätte, wenn Neuer am Dienstag durch Trash Talk und Tricks bei Elfmetern den Deutschen das Final-Ticket gegen Brasilien sichert. Das Torhüter auf der Linie hin- und herspringen, an die Latte greifen, dass das Netz wackelt (auch von Krul vorgeführt) und den Ball in die Hand nehmen, bevor sie ihm den Schützen geben, ist alles meiner Meinung nach unnötig, aber Teil des Psychospielchens. Nur dieses Gelaber. Das hat in dieser Situation nichts zu suchen. Aggressive Gesten tun ihr Übriges. Plötzlich gilt das dann clever und intelligent, und irgendwann ist es Normalität. Wenn Torhüter (verständlicherweise) oft vom Schiedsrichter etwas geschützt werden, so müssen Schiedsrichter aber in bestimmten Momenten auch die Spieler schützen.

Wenn Deutschland so ein Elfmeterschießen gewinnt, mit so Tricks, natürlich freut man sich dann trotzdem über den Finaleinzug. Aber wenn Neuer so etwas nötig hätte, würde ich mich in dem Moment doch ein wenig fremdschämen. Denn große Torhüter haben so etwas nicht nötig.

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