Artikelformat

Alle Jahre wieder: Der Tipprausch

 

DSC01028Mit der Weltmeisterschaft in Brasilien begann auch ein Phänomen, dass zwar an sich jede Saison, besonders verstärkt – weil dann oft mit sehr, sehr vielen – immer zu den großen Turnieren in der Fußballwelt stattfindet: Tippspiele. Mal mit 5, mal mit 10 Euro Einsatz, innerhalb eines Gewinnspiels von Bars oder Unternehmen oder einfach nur deswegen, um den anderen am nächsten Tag ihre Tipps um die Ohren zu pfeffern („Argentinien – Iran 4:0? Die iranische Abwehr ist doch bekannt als Bollwerk!! Geh‘ mir aus der Sonne des Triumphes!“). Ehrgeiz ist auf jeden Fall immer dabei. Einige Spiele werden auch einfach interessanter, wenn man darauf getippt hat. Warum sonst schaue ich mir um 0 Uhr das Depressionen fördernde 0:0 von Japan gegen Griechenland 90 Minuten lang an, wenn ich nicht 1:0 auf Japan getippt hätte und bis zur letzten Sekunde hochgradig involviert bin?

Es ist natürlich komplett absurd: Man sitzt vor dem Fernseher und betet für ein Tor der einen Mannschaft – weil es einem eben ein paar Punkte in einem Tippspiel bringt. Quasi glorreichen, subjektiv gefühlten nie enden wollenden Ruhm. Für welchen Preis?

Geiler Fußball? Pfeif doch endlich ab!

Wenn man beispielsweise 2:1 getippt hat, muss das Spiel 2:1 ausgehen. Wenn also in den ersten 15 Minuten schon die drei Tore fallen, dass es tatsächlich zu dem Zwischenstand kommt, dann ruft etwas in einem (und oft auch aus einem heraus): „ABPFEIFEN! SCHLUSS! Ich sehe hier zwar gerade ein geiles Fußballspiel, aber ich hoffe einfach mal, dass auf diese 15 Minuten jetzt 75 Minuten Rumpelfußball auf allerhöchstem Niveau erfolgt, damit ich die Punkte mitnehme.“ Ginge es nach dem Tippspiel, viele Partien wären vorzeitig beendet gewesen. Auch Traumtore werden weniger gewürdigt, weil sie einem auch irgendwie weh tun können.

Und klar: Man hat sein favorisiertes Land auf den Titel, meist ja einfach die Heimat. Aber auch ansonsten verteilen sich ja die Sympathien bei jeder Begegnung. Man ist da besonders gerne für den Außenseiter – aber Gott nochmal, ist das schlecht fürs Tippspiel. Man will dann beispielsweise Nigeria irgendwie einfach in so einem Achtelfinale sehen – und tippt im Spiel von denen auf Bosnien. Hinterher ärgert man sich auf mehreren Ebenen:

Warum man auf Bosnien getippt hat.
Warum die nicht gewonnen haben.
Warum man sich eigentlich darüber ärgert, dass das Spiel so ausgegangen ist, wie man es – ohne Tippspiel – gerne gesehen hätte. – Und warum dieser mysteriöse User mit Namen „Unagi145“ 1:0 für Nigeria getippt hat. Jetzt ist der 2 Punkte vor mir.

Was fällt dem eigentlich ein?

Jetzt hat der alles – und ich hab nichts!

Hoch leben die Außenseiter – wenn alle sich einig sind

Außenseiter-Erfolge lassen sich dadurch ab einem gewissen Punkt nur gänzlich genießen, wenn keiner sie auf dem Schirm hatte – und tja, es gibt immer irgendjemanden, der im Spiel gegen Italien auf Costa Rica setzt. Einfach so. Es ist nicht so, dass man sich dann komplett nicht freuen kann. Niederlagen bestimmter Teams freuen einen ja immer. Aber für das Tippspiel ist das alles verheerend, emotional hoch kompliziert und für die sowieso schon in diesen Tagen strapazierten Nerven weiterer Ballast.

Dieses Jahr sind es bei mir dann auch irgendwie gleich vier Tippspiele geworden. Vier! Nach jeder Partie wird gecheckt, wie die getippten Ergebnisse waren und wo man selbst dann steht (ein meist frustrierendes, sich viermal wiederholendes Ritual). Aber was soll man dagegen auch tun?

Potentielle Zukunftsstrategien?

1. „Tipp doch einfach so, wie du willst, dass die Spiele ausgehen! Dann gibt es nie Frust!“
Ja, oder ich mach was anderes mit meiner Tippspielkohle:

 

2. „Tipp doch bei jedem Tippspiel unterschiedlich! So bist du irgendwo immer richtig!“
Ja klar, ich setze ja schon bei Roulette immer 50 auf Rot und 50 auf Schwarz! (es kommt dann immer die 0). Und wenn ich in jedem Tippspiel etwa anderes tippe, was mache ich dann mit der vierten Tendenz? Drei Tippspiele wären perfekt. Dann teile ich das prozentual irgendwie auf. Wie die Tagesschau.

3. „Tipp doch einfach gar nicht!“

 

Ja okay, es scheint keiner hier vernünftige Ideen zu haben. Ich geh‘ dann nochmal meine Tipps für gleich abchecken. Hab‘ ich eine Angst vor Unagi145.

Kommentare sind geschlossen.