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USA: „The same procedure as every World Cup“

Wie die Amerikaner fast zu Fußball-Fans geworden wären

Es hat ja schon etwas höchst solidarisches. In den letzten Tagen habe ich vielerorts wahrgenommen, wie sympathisch das US-Team hier doch gesehen wird und wie viele doch darauf hofften, dass die Truppe von Jürgen Klinsmann es in dem Turnier weit bringt. Und ja, irgendwie fand ich sie auch sympathisch, diese Amis. Zwei Spieler, die mit Nasenbeinbruch spielen. Beckerman mit der lässigsten Frisur des ganzen Turnieres. Überzeugende Mentalität in der Gruppenphase. Doch ein weiterer Grund war sicherlich (mal wieder) eines: Die aufkommende Fußball-Euphorie in den Staaten. Breit kommentiert von den öffentlich-rechtlichen hierzulande, inklusive Live-Schaltungen nach Washington und O-Töne vom Präsidenten, Tweets von Rihanna über Miroslav Klose und Fotos von der Couch von Tom Hanks. Die Amis im Fußballfieber.

Moderator Jimmy Kimmel hat sich in seiner Late-Night-Show bisweilen fast täglich über Soccer amüsiert. Fassungslos fragte er seinen Sidekick Guillermo, warum ein 0:0 für Mexiko gegen Brasilien ein gutes Ergebnis für Mexiko darstelle. Viele Amerikaner verstehen Sportarten eben nicht, in denen andere Resultate als ein Sieg als Erfolge ausgelegt werden können. Fußball ist dort zu unspektakulär, zu ereignisarm. Nicht komplett unverständlich – aus ihrer Sichtweise.

Realismus? Nein, danke!

Die letzten drei Achtelfinals dürften in den Staaten daher wohl wenig Gründe für Kritiker geliefert haben, dem Soccer gnadenlos zu verfallen. In der regulären Spielzeit fielen ganze null Tore. Dreimal 0:0, dreimal Verlängerung. Im letzten Spiel waren die Amerikaner dann ja selbst involviert. Mit nie dagewesenem Spirit natürlich, einem Rekord an Unterstützung zuhause und der festen Hoffnung auf den Weltmeistertitel. Den hatte Jürgen Klinsmann ja zu Turnierbeginn für unrealistisch erachtet und wurde dafür von der amerikanischen Presse hart in die Mangel genommen.

Während also ganz Amerika damit „beschäftigt ist, sich für Fußball zu interessieren“ (Jimmy Kimmel), hofft man natürlich wieder andernorts, dass mit dieser WM doch der Umschwung erreicht ist. Ab jetzt können die Amis nicht mehr weg von diesem Sport! Endlich haben sie es eingesehen, endlich kommt damit ein komplett neuer Markt so richtig ins Spiel. Richtig? Naja. Irgendwie ist das doch bei jeder WM genau das gleiche Thema. Die Amerikaner merken, dass jeder irgendwie auf dieses Soccer steht. Und wenn ihr Team dann auch noch dabei ist, gibt es doch keine bessere Gelegenheit, als der Welt zu zeigen, wer der Boss im (Fußball-)Business ist. Das Klinsmanns Kommentare kritisiert und hämisch kommentiert werden, passt hier perfekt ins Bild. Fragwürdig dabei, wieviele der amerika-nischen Fans sich im europäischen Fußball auskennen. Fragwürdig, wieviele sich mit der hauseigenen Major Soccer League auskennen.

Rekordzahlen, Rekordquoten – doch immer derselbe Verlauf

Die MLS versucht sich gerade daran, ihre Liga bis 2020 auf 24 Mannschaften aufzubauen. Der Modus verläuft dann typisch amerikanisch – inklusive verschiedener Conferences, einer Regular Season und Playoffs. In den letzten Jahren konnte auch ein deutlicher Zuwachs bei den Zuschauern erreicht werden. 18.606 Menschen sahen im Schnitt ein Spiel der regulären Saison im letzten Jahr, 21.911 waren es sogar bei den Playoffs. Die Zahlen zeigen jedoch auch: Jedes Mal nach einer Weltmeisterschaft steigt der Schnitt – um so ca. 500 bis 1000 Zuschauer – um anschließend kontinuierlich ein wenig herabzusinken. Dennoch stellte 2012 das bisherige Rekordjahr für die MLS dar, 2013 war nur ein minimaler Abstieg zu vermerken und 2014 darf sich nun durchaus Chancen ausrechnen für eine weitere Bestmarke.

Hinter Football, Basketball, Eishockey und Baseball scheint es, als sei der Fußball auf Platz 5 aufgerückt. Die Frage ist: Als kommender Teil der Großen – oder eher als „Best of the Rest“? Trotz der jahrzehntelangen Strategie der MLS, große Namen aus Europa für ihre letzten Profijahre herüberschiffen zu lassen, blieb die Frage stets offen, ob dort wirklich etwas Großes heranwächst. Wenn, dann wächst es nach wie vor eher langsam. Mit der Niederlage gegen Belgien setzte es für ein sehr kämpferisches und überzeugendes US-Team den Schlusspunkt dieser Weltmeisterschaft. Ihren Trainer haben die Amis inzwischen wieder lieb, das hat er durch gezielte öffentliche Kommentare relativ souverän erreicht. Der Motivator Klinsmann weiß natürlich, wo er seine Pappenheimer packen muss, um positive Stimmung zu erzeugen. The American Spirit eben. Das passt zu ihm ziemlich gut. Es wird spannend sein zu sehen, wie dieser Spirit weitergeht – für den Rest dieses Turnieres, falls man davon nun überhaupt noch viel mitbekommt. Aber vielmehr auch in der weiteren Entwicklung der Major Soccer League. Eventuell muss man aber auch einfach wieder vier Jahre warten, um zu sehen, dass die Amis drauf und dran sind, Fußballfans zu werden.

 

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