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Manuel Neuer: Eine Chance namens Cannavaro

Aus 23 mach drei – und Manu ist mit dabei. Mit Manuel Neuer hat es nun zum ersten Mal seit zwölf Jahren (Oliver Kahn) mal wieder ein deutscher Spieler unter die letzten drei Kandidaten für die Verleihung des Goldenen Balls geschafft. Seine Konkurrenten sind dabei mit Messi und Ronaldo fast schon erwartungsgemäß die beiden, die sich seit 2007 quasi jährlich bei dieser Veranstaltung begegnen (Ausnahme: 2010, als Messi, Xavi und Iniesta eine „Barca Players Only“-Party schmissen).

Cristiano Ronaldo konnte dieses Jahr mit Real Madrid die Champions League gewinnen, erzielte dazu in der vergangenen Saison in 30 Ligaspielen 31 Treffer und führt in Spanien auch derzeit die Torjägerliste wieder souverän an (12 Spiele, 20 Tore). Seine Nominierung bedarf trotz einer schwachen WM keiner großen Rechtfertigung. Lionel Messi gewann dagegen 2014 keinen Titel und kann nur auf seine ebenfalls starke Torquote (Primera Division 13/14: 31 Spiele, 28 Tore) und eine gute WM mit vier eigenen Treffern inklusive einem WM-Finale verweisen. Bereits damals war seine Auszeichnung zum Spieler des Turniers vielerorts kritisiert worden. Und selbst seine kürzlich aufgestellten Torrekorde in der Primera Division und der Champions League lagen schon außerhalb des Abstimmungszeitraums für den Goldenen Ball. Man darf daher seine Nominierung hinterfragen, wünscht sich als Deutschlandfan mitunter statt Messi einen Thomas Müller, doch ob das alles für die Vergabe eine besondere Bedeutung hat, sei dahingestellt. Denn der Goldene Ball ist dieses Jahr eine Sache zwischen Cristiano Ronaldo und Manuel Neuer.

Die Nominierung der deutschen Nummer 1 lag auf der Hand, ähnlich, wie es 2002 schon bei Oliver Kahn der Fall war. Mit dem feinen Unterschied, dass Manuel Neuer sein WM-Finale gewinnen und den Pokal mit nach Hause nehmen konnte. Unvergessen blieb sein Auftritt als Libero gegen Algerien, und bereits während des Turniers vernahm man wohlwollend die internationalen Pressestimmen, die Neuer huldigten. Viel wurde nach der Weltmeisterschaft darüber geschrieben, dass Neuer das Torwartspiel durch sein aggressives Antizipieren und Mitdenken revolutioniert habe. Dazu kommt seine Präsenz auf der Linie, seine Reaktionsgeschwindigkeit. Neuer verdient die Lobeshymnen dieses Jahres ohne jeden Zweifel.

Ein Abwehrspieler zum Weltfußballer? Da war doch was…

In den vergangenen Jahren war die Tendenz bei den Wahlen immer recht eindeutig: Auch aufgrund ihrer überragenden Leistungen standen mit Lionel Messi und Cristiano Ronaldo zwei Individualisten im Mittelpunkt, die durch ihre Offensivspektakel nicht nur einen attraktiven, sondern auch erfolgreichen Fußball mit ihren Teams spielten. Die überragenden Defensivakteure der vergangenen Jahre hatten allein durch die viel geringere Schlagzeilenpräsenz stets geringe Chancen auf die höchsten Auszeichnungen.

Mit einer Ausnahme: Als 2006 Italien den WM-Pokal mit nach Hause nahm, konnte sich der Kapitän der Mannschaft anschließend mit eben jenem Goldenen Ball krönen. Fabio Cannavaro setzte sich damals überraschend gegen keine geringeren Gegner als Zinedine Zidane und Ronaldinho durch. Als Argument hat der WM-Titel damals sicher nicht geschadet.

Manu vs. die Lobby von Cristiano

Wie bereits im vergangenen Jahr, gab es auch diesmal bereits vermehrt öffentliche Bekundungen aus dem Umfeld von CR7, dass er, und nur er, den Goldenen Ball verdient habe. Nach einer eher peinlichen Auseinandersetzung zwischen Blatter und Cristiano Ronaldo im vergangenen Jahr hüten sich Offizielle der FIFA dabei zunehmend, andere Kandidaten als den Portugiesen für die Wahl zum Weltfußballer öffentlich zu stärken. Als Xabi Alonso neulich bekundete, ein Sieg von Neuer wäre „auf jeden Fall gerecht“, wurde er von den spanischen Medien naturgemäß zum Verräter deklariert, der seinem ehemaligen Vereinskameraden Ronaldo in den Rücken falle.

Die Chance, dass Manuel Neuer am 12. Januar 2015 tatsächlich den Goldenen Ball nach München entführt, ist realistisch betrachtet nicht allzu groß. Zu präsent ist die Übermacht von Cristiano Ronaldo, der neben einer Vielzahl von Fürsprechern natürlich auch überragende Leistungen für sich sprechen lassen kann. Im Gegensatz zum Vorjahr kann er mit der Champions-League-Trophäe dazu einen Titel vorweisen, an dem er mit 17 Treffern in elf Partien einen nicht unwesentlichen Anteil hatte. Doch die Vergangenheit hat auch bewiesen, dass bei derartigen Preisverleihungen auch gerne mal ein Statement gesetzt wird. 2006 hieß dieses Statement Cannavaro. Acht Jahre später ist das die einzige Hoffnung für Manuel Neuer.