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WM 2018 – Kommentar: So! Dann bin ich eben nicht mehr für die „Kleinen“!

Jahrzehntelang hatte ich, soweit ich mich erinnere, bei großen Turnieren im Regelfall immer große Sympathien für den Underdog gehabt, für alle „Kleinen“, die gegen die „Großen“ aufbegehren, sie an den Rande des Wahnsinns treiben und denen dann am Ende vielleicht auch mal eine Überraschung gelingt. Jetzt standen die Brasilianer rund um Neymar, der mal wieder mit unansehnlichen Schauspieleinlagen und fehlendem Respekt dem Schiedsrichter gegenüber auf sich aufmerksam machte, mit dem Rücken zur Wand. Nach dem dürftigen 1:1 im ersten Gruppenspiel gegen die Schweiz konnten sie Costa Ricas Abwehrriegel schlichtweg nicht durchbrechen. Es stand nach 70 Minuten immer noch 0:0.

Ich bekam ein komisches, unbekanntes Gefühl: Ich wollte, dass Brasilien trifft. Und zwar nicht, weil es mir wichtige Tippspielpunkte in aussichtsloser Lage einbrachte – es hatte ja immerhin fast jeder auf Brasilien gesetzt. Sondern vielmehr, weil ich nicht mehr wollte, dass „dieser“ Fußball sich auszahlt. Sich mit Mann-und-Maus hinten reinzustellen, das Heil darin zu suchen, den Gegner zu zermürben und mit Glück den einen Konter zu fahren, die eine Ecke zu kriegen, die reicht.

Underdog – Vorbild Griechenland

Es ist die Außenseitertaktik, die wohl die besten Erfolgschancen hat. Griechenland hat sie 2004 unter Otto Rehhagel perfektioniert, als man Europameister wurde, obwohl man fußballerisch wirklich gar nichts zu dem Turnier beizutragen hatte. Damals fand ich das geil. Inzwischen nervt es mich nur noch. 1:0 nach 1:0 nach 1:0 gab es bei dieser WM zwischen Großen und Kleinen, oftmals hilft sogar nur der neu eingeführte Videoschiedsrichter, um irgendwo einen Elfmeter zu erkennen.

„Was sollen die anderen denn sonst tun?“, könnte man entgegenwerfen. Tunesien wollte gestern gegen Belgien zum Beispiel scheinbar eine Runde Fußball spielen – und kamen direkt mit 5:2 unter die Räder. Schweden hat es gestern gegen Deutschland erwartbar anders probiert. Nach fünf Spielen, in denen der schwedische Keeper Olsen nicht einmal hinter sich greifen musste, erschien das eine logische Option zu sein. Mit einem Unentschieden gegen Deutschland und einem Unentschieden gegen Mexiko hätte man das Weiterkommen einsacken können. Vor der Viererkette in der Abwehr befand sich eine weitere Viererkette, die offiziell als „Mittelfeld“ bezeichnet wurde, mit der Mitte des Spielfelds aber gestern so wenig zu tun hatte wie Ilkay Gündogan mit Pässen in die Tiefe. Die Schweden hatten auf diese Art und Weise schon die Italiener in der Relegation mit 1:0 und 0:0 zur Verzweiflung gebracht.

Gegen die destruktive Spielweise der Underdogs

Fast hätte das wieder funktioniert. Ein Glück hat es das nicht. Den tatsächlich grob unsportlichen und dummen Jubel von DFB-Funktionären in Richtung der Schwedenbank kann man gefühlsmäßig nachvollziehen. Nach dem Motto: „Versucht ihr mal, unser Spiel zu zerstören. Das reicht nicht, um hier weit zu kommen.“ Damit es überhaupt so weit kam, brauchte Deutschland aber das Glück, dass Jerome Boateng nicht schon in Halbzeit 1 flog (was er in Halbzeit 2 erfolgreich nachholte) oder zumindest der Elfmeterpfiff ausblieb, und das Toni Kroos nach 95 Minuten scheinbar die Faxen dicke hatte und einen dieser „Momente“ rausholte.

Verteidigen gehört zum Fußball genau so dazu wie angreifen. Aber die destruktive Art, das Zeitspiel, dass sich bei manchen Teams inzwischen tatsächlich auf 90 Minuten ausgeweitet hat und die Tatsache das man oft weiß, was man – theoretisch  – für ein tolles Fußballspiel sehen könnte frustrieren ungemein. Eckfahnendribblings ab Minute 80, Gesichtsverletzungen, wenn die Hacke touchiert wurde und Ballwegschießen ohne Ahndung.

Es ist ein völlig legitimes Mittel vom Underdog, und keine schlechte Taktik. Aber man muss es halt dann nicht sympathisch finden. Wenn ich sehen will, wie Leute sich einen Ball immer wieder von links nach rechts um den Strafraum zupassen, gucke ich Handball. Danke.

 

 

 

 

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