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WM 2018 – Gruppe B: Die weltbeste Abwehr und der iranische Messi

Spanien

Bis heute war Spanien klarer Titelfavorit. Doch in den letzten zwei Tagen ist viel passiert. Nationaltrainer Lopetegui, der die Spanier fast ohne Makel zur WM geführt hat, unterschrieb bei Real Madrid und wurde bei Spanien am Mittwoch rausgeschmissen. Zwei Tage vor dem ersten Spiel gegen Portugal. Was das mit der Mannschaft macht, wie es die Chancen auf den WM-Sieg mindert, man weiß es nicht. Eine gute Vorbereitung sieht aber sicher anders aus.

Nach den drei Turniersiegen in Folge (EM 2008, WM 2010, EM 2012) gab es für Spanien kleinen Knick, resultierend in dem Turnieraus in der Gruppenphase der WM 2014 und dem frühen Achtelfinal-Aus bei der EM 2016 gegen Italien. In der Qualifikation für die WM rächte sich Spanien an den Italienern, die in dieselbe Gruppe gelost wurden. Spanien wurde mit neun Siegen bei einem Remis souverän Gruppenerster und zwang den Konkurrenten in die Relegation. Ergebnis: Italien nimmt nicht an der WM teil.

Zehn Spieler des Kaders kommen erwartbarerweise von Real Madrid und dem FC Barcelona. Auch die Nichtberücksichtigung von Javi Martinez (29) ist ein Klassiker. Darüber hinaus verzichtet Spanien aber auch auf Kaliber wie Manchesters Juan Mata (30) sowie auf Chelseas Cesc Fabregas (31) und Alvaro Morata (25), mit elf Saisontreffern in der Premier League mit einer Durchschnittssaison. Das führt jedoch dazu, das Spanien als Sturmtank wieder auf Diego Costa baut, wo er seit seiner Rückkehr zu Atletico Madrid ganze drei Tore in der Rückrunde geschossen hat. Sandro Wagner hat ja acht gemacht. Just Sayin‘.

Andres Iniesta wird sein letztes Turnier für Spanien bestreiten, daneben könnte Bayerns Thiago endlich auch mal vermehrt Akzente im Spiel setzen und sich für einen möglichen Wechsel in Position spielen. Spannend könnte Marco Asensio werden. Der Shootingstar von Real Madrid steht bei seinem Verein oft noch in entscheidenden Spielen in zweiter Reihe. Sein Potenzial ist unbestritten. Jüngst hatte Javi Martinez betont, Asensio könne seiner Meinung nach bereits nächste Saison zu einem der besten, wenn nicht dem weltbesten Spieler werden. Mal sehen. Randnotiz: Ebenfalls im Kader fehlt auch Marcos Alonso. Schon dessen Vater (Marcos Alonso Pena) und sein Großvater (Marquitos) waren spanische Nationalspieler. Zu einer WM fuhr keiner von ihnen

Die Testspiele waren wie die der deutschen Nationalelf wenig berauschend, auf ein 1:1 gegen die Schweiz folgte ein 1:0 gegen Tunesien. Hierzulande dürfte man sich vielmehr an das Kreativfeuerwerk erinnern, dass die Spanier in Halbzeit 1 des Testspiels gegen Deutschland im März abließ. Der Achtelfinaleinzug dürfte diesmal trotz des spontanen Trainerwechsels nicht gefährdet sein, und dort wartet aller Voraussicht nach ein machbarer Gegner aus Gruppe A. Wie weit es aber nach dem Paukenschlag vom Mittwoch wirklich reicht, kann momentan keiner vorhersehen.

Trainer:
Fernando Hierro

Tor:
David de Gea (Manchester United)
Kepa Arrizabalaga (Athletic Bilbao)
Pepe Reina (SSC Neapel)

Abwehr:
Dani Carvajal (Real Madrid)
Sergio Ramos (Real Madrid)
Nacho Fernandez (Real Madrid)
Alvaro Odriozola (Real Sociedad San Sebastian)
Gerard Pique (FC Barcelona)
Jordi Alba (FC Barcelona)
Cesar Azpilicueta (FC Chelsea)
Nacho Monreal (FC Arsenal)

Mittelfeld:
Sergio Busquets (FC Barcelona)
Andres Iniesta (FC Barcelona)
Saul Niguez (Atletico Madrid)
Koke (Atletico Madrid)
Isco (Real Madrid)
Thiago (Bayern München)

Angriff:
David Silva (Manchester City)
Marco Asensio (Real Madrid)
Lucas Vazquez (Real Madrid)
Diego Costa (Atletico Madrid)
Rodrigo Moreno (FC Valencia)
Iago Aspas (Celta Vigo)

Portugal

Der amtierende Europameister ist natürlich auch dabei. Zur Erinnerung: Die Portugiesen gewannen vor zwei Jahren die neu strukturierte EM, indem sie ohne Sieg, aber mit drei Unentschieden als Gruppendritter ins Achtelfinale einzogen, dort Kroatien in der Verlängerung besiegten, Polen im Elfmeterschießen bezwingen konnten und anschließend auch Wales schlugen, um im Finale vom verletzten Cristiano Ronaldo zum Sieg gecoacht zu werden.

Die Gegner auf dem Weg zum WM-Triumph dürften andere sein, und ein erneuter dritter Platz bedeutet hier immer noch das Aus. Vom Namen her scheint es in der Gruppe nur um Spanien und Portugal zu gehen, doch die Portugiesen sollten gewappnet sein. Gerade Marokko wird ihnen den Achtelfinalplatz nicht schenken. Für Cristiano Ronaldo könnte es mit 33 Jahren seine letzte WM sein, wenn er seinen Körper nicht doch weitere vier Jahre mantra-artig durch seine Cryo-Kammer jagt.

Neben CR7 hat Trainer Fernando Santos einiges an bekanntem Spielermaterial dabei, von Fairness-Instanz Pepe bis hin zum hoch veranlagten William Carvalho, 2015 bei der U21-Europameisterschaft „Spieler des Turniers“ und auch bei der EM2016 schon beständiger Teil der ersten Elf, der jedoch weiterhin sein sportliches Dasein in der heimischen Liga bei Sporting Lissabon fristet, hat jedoch wie seine Nationalmannschaftskollegen Gelson Martins und Bruno Fernandes kürzlich erst nach Fan-Attacken seine Kündigung eingereicht. Ein guter Zeitpunkt, um bei einem Turnier positiv aufzufallen.

Im Aufgebot sind mit Spielern wie Ricardo Quaresma (34), Pepe (35) und Bruno Alves (36) auch Akteure, die ihre stärksten Jahre schon länger hinter sich gelassen haben. Mit neuen Impulsen durch Figuren wie ManCitys Bernardo Silva gibt es aber nicht nur Altware. Im Endeffekt hängt für Portugal wohl mal wieder vieles von Cristiano Ronaldo ab, doch Portugal dürfte nicht gerade große Chancen auf eine erneute große Überraschung besitzen.

Trainer:
Fernando Santos

Tor:
Anthony Lopes (Olympique Lyon)
Beto (Göztepe Izmir)
Rui Patricio (Sporting Lissabon)

Abwehr:
Bruno Alves (Glasgow Rangers)
Cedric Soares (FC Southampton)
Jose Fonte (Dalian Yifang)
Mario Rui (SSC Neapel)
Pepe (Besiktas Istanbul)
Raphael Guerreiro (Borussia Dortmund)
Ricardo Pereira (FC Porto)
Ruben Dias (Benfica Lissabon)

Mittelfeld:
Adrien Silva (Leicester City)
Bruno Fernandes (Sporting Lissabon)
Joao Mario (West Ham United)
Joao Moutinho (AS Monaco)
Manuel Fernandes (Lokomotive Moskau)
William Carvalho (Sporting Lissabon)
Bernardo Silva (Manchester City)

Angriff:
Andre Silva (AC Mailand)
Cristiano Ronaldo (Real Madrid)
Gelson Martins (Sporting Lissabon)
Goncalo Guedes (FC Valencia)
Ricardo Quaresma (Besiktas Istanbul)

Marokko

Kleiner Fun Fact zum Start: Marokko hat die wohl beste Defensive der Welt. Zumindest, wenn man nach den Zahlen aus der WM-Qualifikation geht. Da setzte sich Marokko ohne ein einziges Gegentor durch! Zur Wahrheit gehört aber auch: Es waren insgesamt nur acht Partien, und in dreien davon trennte man sich 0:0 (je einmal gegen Gabun, Mali und die Elfenbeinküste).

Dennoch: Die Abwehrkette um Ex-Bayern-Spieler Medhi Benatia steht, auch wenn es in den Testspielen (2:1 gegen Slowakei, 3:1 gegen Estland, 0:0 gegen die Ukraine) auch mal Gegentreffer setzte. Die Gruppengegner bei der WM dürften offensiv nochmal eine ganz andere Aufgabe darstellen.

Auffällig ist generell die hohe Verteilung der marokkanischen Spieler in europäischen Ligen, wo sich aber die Mehrzahl eher in der türkischen, holländischen oder belgischen Liga rumschlägt. Das macht Schalkes Shootingstar Amine Harit schon zu einem der Leistungsträger der Mannschaft. Unter Trainer Hervé Renard wird es in dieser Gruppe vor allem darum gehen, das Bollwerk aufrecht zu erhalten und Nadelstiche zu setzen. Dafür muss die erste Partie gegen den Iran direkt gewonnen werden, um sich Chancen aufs Achtelfinale zu erhalten.

Der französische Trainer Renard kennt sich im afrikanischen Fußball aus. Mit Sambia gewann er 2012 den Afrika-Cup und wiederholte das Kunststück drei Jahre später mit der Elfenbeinküste. Marokko führte er nun zur ersten WM-Teilnahme seit 1998. Außenseiter? Ja. Aber wenn Portugal sich in der Form der Gruppenphase der EM 2016 befindet, dürfte Marokko sogar eine kleine Chance besitzen, für eine Überraschung zu sorgen.

Trainer:
Hervé Renard

Torhüter:
Mounir El Kajoui (Numancia)
Yassine Bounou (Girona)
Ahmad Reda Tagnaouti (Ittihad Tanger)

Abwehr:
Mehdi Benatia (Juventus Turin)
Romain Saiss (Wolverhampton Wanderers)
Manuel Da Costa (Basaksehir)
Nabil Dirar (Fenerbahce Istanbul)
Achraf Hakimi (Real Madrid)
Hamza Mendyl (Lille)

Mittelfeld:
M’bark Boussoufa (Al Jazira)
Karim El Ahmadi (Feyenoord Rotterdam)
Sofyan Amrabat (Feyenoord Rotterdam)
Youssef Ait Bennasser (Caen)
Younes Belhanda (Galatasaray Istanbul)
Faycal Fajr (FC Getafe)
Amine Harit (FC Schalke 04, Deutschland)

Sturm:
Khalid Boutaib (Malatyaspor)
Aziz Bouhaddouz (St. Pauli, Deutschland)
Ayoub El Kaabi (Renaissance Berkane)
Nordin Amrabat (Leganes, Spanien)
Mehdi Carcela (Standard de Liege)
Hakim Ziyech (Ajax Amsterdam)
Youssef En-Nesyri (FC Malaga)

Iran

Während Iran in der asiatischen WM-Qualifikation in der zweiten Runde mit Teams wie dem Oman, Turkmenistan, Guam und Indien noch keine Probleme hatte, tat man sich schon mit Südkorea, Syrien und China schwerer. Dabei muss man betonen: Von allen 18 Qualifikationsspielen hat der Iran kein einziges verloren. Aber in den letzten zehn Spielen eben auch nur noch zehn Tore erzielt. Insbesondere im Hinblick auf Auftaktgegner Marokko bleibt fraglich, wie man das Abwehrbollwerk überwinden will, ganz zu schweigen von der spanischen Verteidigung um Sergio Ramos, der wahrscheinlich derzeit noch eifrig recherchiert, welcher Gegenspieler sich für etwaige Judogriffe eignet.

Die Zeiten, in denen die Bundesliga mit iranischen Spielern en masse aufwartete, sind vorbei. Keine Medhi Madhavkias oder Vahid Hashemians helfen, die Qualität der Mannschaft einzuordnen. Am Bekanntesten ist hierzulande der Name Ashkan Dejagah. Der Ex-Herthaner und -Wolfsburger gurkt inzwischen mit Nottingham Forest in der zweiten englischen Liga herum. Als Kapitän in der Qualifikation ist er absoluter Hoffnungsträger der Mannschaft, doch zum Zeitpunkt der Kadernominierung hatte er seit einer Knie-OP im Februar nicht mehr auf dem Platz gestanden. Fitnesslevel: Unbekannt. Ansonsten präsentiert der Iran mit Sardar Azmoun von Rubin Kasan den „iranischen Messi“. Cristiano Ronaldo darf sich freuen und hätte sicher auch kein Problem mit Duellen gegen den deutschen Messi (Marko Marin), den türkischen Messi (Emre Mor) oder dem kroatischen Messi (Alen Halilovic). Hier die offizielle inoffizielle Liste.

Die Lebensrealität der anderen Spieler Irans heißt oft Griechenland, Holland – oder eben die heimische Liga in Iran. Es ist die fünfte WM-Qualifikation für das Land, das seit 2011 bereits auf den Portugiesen Carlos Quieroz als Nationaltrainer setzt und somit mehr Konstanz auf diesem Posten hat als viele andere Mannschaften. Ob die Erfahrung aus der vergangenen WM hilft, als man in der Gruppe relativ sang- und klanglos in der Vorrunde ausschied? Unwahrscheinlich. Das Auftaktspiel gegen Marokko dürfte bereits das Ende jeglicher Träume darstellen.

Trainer:
Carlos Quieroz

Tor:
Alireza Beiranvand (Persepolis)
Rashid Mazaheri (Zob Ahan)
Amir Abedzadeh (Maritimo Funchal)

Abwehr:
Ramin Rezaeian (KV Ostende)
Mohammad Reza Khanzadeh (Padideh)
Morteza Pouraliganji (Al-Saad)
Pejman Montazeri (Esteghlal)
Seyed Majid Hosseini (Esteghlal)
Milad Mohammadi (Achmat Grosny)

Mittelfeld:
Saeid Ezatolahi (Amkar Perm)
Massoud Shojaei (AEK Athen)
Mehdi Torabi (Saipa)
Ashkan Dejagah (Nottingham Forest)
Omid Ebrahimi (Esteghlal)
Ehsan Hajsafi (Olympiakos Piräus)
Ali Gholizadeh (Saipa)
Vahid Amiri (Persepolis)

Angriff:
Alireza Jahanbakhsh (AZ Alkmaar)
Karim Ansarifard (Olympiakos Piräus)
Mahdi Taremi (Al-Gharafa)
Sardar Azmoun (Rubin Kasan)
Reza Ghoochannejhad (SC Heerenveen)
Ahmad Abdolahzadeh (Foolad)
Saman Ghoddos (Österdund)

Kurz-Prognose:

Spanien war eigentlich klarer Titel-Mitfavorit, aber nach dem spontanen Trainerwechsel zwei Tage vor dem ersten Spiel weiß noch keiner, wie die Mannschaft reagieren wird . Portugal könnte das im ersten Spiel nutzen. An sich müsen die alternden Portugiesen jedoch aufpassen, nicht zu nachlässig gerade gegen Marokko zu agieren, die überraschen könnten. Doch Cristiano Ronaldo könnte einmal mehr zum ausschlaggebenden Argument werden. Die krasse Außenseiterrolle wird vom Iran eingenommen.

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