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WM 2018 – Gruppe C: Kein Lord, Kein Claudio – Ein Paolo Guerrero

Frankreich

Was haben Kingsley Coman (Bayern München), Karim Benzema (Real Madrid), Alexandre Lacazette (Arsenal London) und Anthony Martial (Manchester United) gemeinsam? Sie alle haben es nicht in den französischen WM-Kader gepackt. Ganz klar: Offensiv ist Frankreich gewaltig aufgestellt. Die Angriffsreihe um Atleticos Antoine Griezmann, der seinen Hotline-Bling-Jubel inzwischen gegen einen noch schlimmeren eingetauscht hat, den in Deutschland nur noch mittelprächtig beliebten Ousmane Dembele und dem Neymar-Sidekick Mbappé könnte bei der WM für Furore sorgen.

Aber auch in den anderen Mannschafsteilen ist Frankreich gut aufgestellt. Mit Corentin Tolisso und Stuttgarts Pavard ist sogar ein bisschen Bundesligaflavour im Kader enthalten. Pavard mag für viele überraschend sein, doch tatsächlich besitzt der Lockenkopf ordentliche Aussicht auf Einsatzzeit. Er ist die große Überraschung im Kader, die sonst nur aus Spitzenspielern europäischer Topklubs zu bestehen scheint. Angesichts dessen lief die Qualifikation fast schon holprig. In einer zugegeben starken Gruppe landete man vor Schweden und den Niederlanden, erlaubte sich dabei aber unter anderem torlose Remis gegen Luxemburg und Weißrussland.

Frankreich hat seit längerem den Ruf einer ego-gespickten Truppe, die sich während der Turniere gerne mal zerreißt. Vielleicht ist dies auch ein Grund, dass Nationaltrainer Deschamps weiterhin auf Karim Benzema verzichtet. Seit dem Erpressungsskandal 2015 lief er nicht mehr für Frankreich auf, hatte aber tatsächlich in dieser Saison auch sportlich nicht viel zu bieten und erzielte lediglich fünf (!) Tore in der Liga. Da sowohl Sven Ulreich als auch Loris Karius nicht zur WM fahren ist Benzema selbst für ein Retraumatisierungs-Programm ungeeignet.

Von der Besetzung her ist Frankreich ein Topfavorit auf den WM-Sieg. Zwei Jahre nach der Finalniederlage bei der Heim-EM gegen Portugal wird der Druck jedoch hoch sein. Die Beziehung zwischen Fans und Mannschaft ist immer noch gespalten, erst Anfang Juni wurde Paul Pogba bei einem Testspiel ausgepfiffen. Der Ausfall von Abwehrchef Koscielny wiegt schwer, auch wenn die Innenverteidigung mit Umtiti (Barcelona) und Varane (Madrid) nicht schlecht aufgestellt ist. Gerade für ihn wird es ein wichtiges Turnier, um den Hype um seine Person zu rechtfertigen. Das Selbstvertrauen besitzt er:

Ich war der beste Rookie bei der WM 2014. Ich hoffe, dass ich diesmal der beste Spieler sein werde. (Paul Pogba)

In den jüngsten Testspielen zeigte sich auch die Defensive gefestigter. Das war bei der 2:3-Niederlage im März gegen Kolumbien noch nicht der Fall. Insgesamt bleibt anderen Teams nur zu hoffen, dass die fehlende Konstanz der Mannschaft auch im Turnier zum Vorschein kommt.

Trainer:
Didier Deschamps

Tor:
Hugo Lloris (Tottenham Hotspur)
Steve Mandanda (Olympique Marseille)
Alphonse Areola (Paris Saint-Germain)

Abwehr:
Adil Rami (FC Sevilla)
Samuel Umtiti (FC Barcelona)
Benjamin Pavard (VfB Stuttgart)
Presnel Kimpembe (Paris Saint-Germain)
Raphael Varane (Real Madrid)
Lucas Hernandez (Atletico Madrid)
Benjamin Mendy (Manchester City)
Djibril Sidibe (AS Monaco)

Mittelfeld:
Paul Pogba (Juventus Turin)
Corentin Tolisso (FC Bayern München)
Blaise Matuidi (Paris Saint-Germain)
N’Golo Kante (Leicester City)
Steven Nzonzi (FC Sevilla)

Angriff:
Antoine Griezmann (Atlético Madrid)
Thomas Lemar (AS Monaco)
Kylian Mbappe (Paris Saint-Germain)
Ousmane Dembele (FC Barcelona)
Nabil Fekir (Olympique Lyon)
Florian Thauvin (Olympique Marseille)
Olivier Giroud (FC Arsenal)

Dänemark

Zuerst die schlechte Nachricht: Der Lord wird nicht zur WM nach Russland fahren. Dabei hat Nicklas Bendtner sportlich weiterhin alles, was es mitbringt. Und auch leistungstechnisch stimmte es – in der vergangenen Saison schoss er Rosenborg BK mit 19 Treffern in der Liga zur Meisterschaft. Doch kurz vor der WM verletzte er sich und verpasst nun die WM.

Die gute Nachricht: Dänemarks Mannschaft hat auch ohne Bendtner einen Kader zusammengekriegt, der sich sehen lassen kann. In der Abwehr rund um Chelseas Christensen stabil, zieht im Mittelfeld Tottenhams Christian Eriksen die Fäden, der in der Premier League auf zehn Treffer und elf Assists kam. Dortmund-Fans werden hierwohl eher 20-Millionen-Neuzugang Thomas Delaney im Fokus haben. Im Sturm wird es spannend zu beobachten, wie sich Jungstar Kasper Dollberg (20) schlägt. Einer starken Saison bei Ajax Amsterdam, wo er mit 19 Jahren 16 Treffer und sechs Assists hinlegte, folgte eine ernüchternde Spielzeit mit sechs Toren und keinem Assist. Nicht in den Kader geschafft hat es der ehemalige Bayern- und Schalkespieler Pierre-Emil Hojbjerg (22), inzwischen beim FC Southampton. Schon in der Qualifikation hatte das einst gepriesene Talent keine große Rolle gespielt.

Die WM-Qualifikation verlief holprig für Dänemark. In der Gruppe blieb man deutlich hinter Polen und musste in zwei Playoff-Partien gegen Irland. Nach einem trockenen 0:0 zuhause gabs auswärts ein deutliches 5:1. Dreifacher Torschütze: Christian Eriksen. Entscheidend wird für Dänemark bei der WM direkt das Auftakspiel gegen Peru. Mit amerikanischen Teams hat man in jüngster Zeit gute Erfahrungen gemacht, gewann erst letzte Woche mit 2:0 gegen Mexiko, schlug auch Panama (1:0) und spielte Remis gegen Chile (0:0). Die stabile Defensive wird die Trumpfkarte von Dänemark – und vielleicht kommt Dollberg ja noch in Form.

Trainer:
Åge Hareide

Tor:
Jonas Lössl (Huddersfield Town)
Frederik Rönnow (Bröndby IF),
Kasper Schmeichel (Leicester City)

Abwehr:
Andreas Christensen (FC Chelsea)
Henrik Dalsgaard (FC Brentford)
Mathias Jörgensen (Huddersfield Town)
Simon Kjaer (FC Sevilla)
Jonas Knudsen (Ipswich Town)
Jens Stryger Larsen (Udinese Calcio)
Jannik Vestergaard (Borussia Mönchengladbach)

Mittelfeld:
Thomas Delaney (Werder Bremen)
Christian Eriksen (Tottenham Hotspur)
Michael Krohn-Dehli (Deportivo La Coruna)
William Kvist (FC Kopenhagen)
Lukas Lerager (Girondins Bordeaux)
Lasse Schöne (Ajax Amsterdam)

Angriff:
Martin Braithwaite (Girondins Bordeaux)
Andreas Cornelius (Atalanta Bergamo)
Kasper Dolberg (Ajax Amsterdam)
Viktor Fischer (FC Kopenhagen)
Nicolai Jörgensen (Feyenoord Rotterdam)
Yussuf Poulsen (RB Leipzig)
Pione Sisto (Celta Vigo)

Peru

Die WM darf sich auf Peru freuen! Es ist die erste WM-Teilnahme für die Südamerikaner seit 1982! Und das ganze Land atmet auf: Kapitän Paolo Guerrero darf nun auch dabei sein. Nachdem der ehemalige Bundesligaprofi positiv auf Kokain getestet worden war, begann ein Hin und Her darüber, ob er bei der WM, dem Karrierehighlight für den inzwischen 34-jährigen, nicht doch dabei sein kann. Sogar die Kapitäne der Gruppengegner baten um Gnade für den Hitzkopf. Und auch wenn bis jetzt vor allem für Guerrero selbst völlig unklar ist, wer ihm Kokain ins Getränk gemischt haben soll, wird die Strafe für die WM ausgesetzt. Hier nochmal der eindruckvollste Treffer von Paolo Guerrero:

Einem anderen Peruaner wurde der Wunsch nicht erfüllt: Peru fährt ohne Claudio Pizarro zur WM. In der Bundesliga ein Kultspieler, hat der 39-jährige seit jeher einen schwereren Stand in seiner Heimat. Dennoch dürften letztendlich auch die sportlichen Argumente gefehlt haben, um den 85-maligen Nationalspieler mitzunehmen. Dass Peru dabei ist, verdanken sie auch dem schlechten Abschneiden von Chile, die man in der Südamerika-Qualifikation nur dank des besseren Torverhältnisses hinter sich ließ. Pikant: Eine 0:2-Niederlage von Peru gegen Bolivien wurde am grünen Tisch in einen 3:0-Sieg umgewandelt wegen eines nicht spielberechtigten Spielers beim Gegner. Auch Chile bekam nachträglich drei Punkte – hatten aber zuvor Unentschieden gegen Bolivien gespielt. Die entscheidenden Punkte.

Peru musste dennoch nachsitzen und qualifizierte sich nach einem müden 0:0 durch ein 2:0 im Rückspiel gegen Neuseeland. Das wirkt alles nicht berauschend. Viel liegt offensiv auf den Schultern von Guerrero (34) und dem wiedererstarkten Jefferson Farfan (33). Gegen die grundsoliden Dänen müsste für Peru aber vieles stimmen, um sich durchzusetzen.

Trainer:
Ricardo Gareca

Tor:
Pedro Gallese (CD Veracruz)
Jose Carvallo (Universitario de Deportes)
Carlos Caceda (Deportivo Municipal)

Verteidigung:
Luis Advincula (Lobos BUAP)
Miguel Araujo (Alianza Lima)
Aldo Corzo (Universitario de Deportes)
Nilson Loyola (FBC Melgar)
Christian Ramos (CD Veracruz)
Alberto Rodriguez (Junior de Barranquilla)
Anderson Santamaria (Puebla FC)
Miguel Trauco (CR Flamengo)

Mittelfeld:
Pedro Aquino (Lobos BUAP)
Wilmer Cartagena (CD Veracruz)
Christian Cueva (Sao Paulo FC)
Edison Flores (Aalborg BK)
Paolo Hurtado (Vitoria Guimaraes)
Andy Polo (Portland Timbers)
Renato Tapia (Feyenoord Rotterdam)
Yoshimar Yotun (Orlando City)

Angriff:
Andre Carrillo (FC Watford)
Raul Ruidiaz (Monarcas Morelia)
Jefferson Farfan (Lokomotive Moskau)
Paolo Guerrero (Flamengo Rio de Janeiro)

Australien

Was haben Tim Cahill und Cristiano Ronaldo gemeinsam? Beide können sich zum vierten Mal bei einer WM als Torschützen eintragen. Gerne erinnert man sich noch an seine Bude von vor vier Jahren:

Inzwischen ist Tim Cahill 38 Jahre alt – aber immer noch dabei. Dass die Australier nach Russland fahren, war lange Zeit nicht klar. In der Qualifikationsgruppe landete man lediglich hinter Japan und Saudi-Arabien, was einen in die Relegation gegen Syrien und anschließend Honduras zwang. Souverän geht anders. Australiens Nationaltrainer Ante Postecoglou trat überraschend zurück und sorgte dafür, dass Bert van Marwijk doch noch zur WM fahren darf. Er hatte sich vorher mit Saudi-Arabien qualifiziert – aufgrund besserer Tordifferenz vor Australien. Hach, manchmal kriegt man einen schönen Bogen hin. Es wird jedoch keine lange Liaison, sein Abgang nach dem Turnier steht bereits fest.

Australien nimmt die gewohnte Außenseiterrolle ein. Diesmal jedoch vielleicht stärker denn je. Denn mit 51 Toren stellt man zwar die gefährlichste Offensive der WM-Qualifikation überhaupt. Das lag jedoch auch an den absurd vielen Spielen, die man bestritt (22). Gegen Tschechien gelang Anfang Juni ein beeindruckendes 4:0. Doch wenn es um den Einzug ins Achtelfinale geht, dürften andere Teams die Nase vorn haben.

Trainer:
Bert van Marwijk (Niederlande)

Tor:
Brad Jones (Feyenoord Rotterdam)
Mathew Ryan (Brighton & Hove Albion)
Daniel Vukovic (KRC Genk)

Abwehr:
Aziz Behich (Bursaspor)
Milos Degenek (Yokohama Marinos)
Matthew Jurman (Suwon Bluewings)
James Meredith (FC Millwall)
Josh Risdon (Western Sydney Wanderers)
Trent Sainsbury (Grasshopper Zürich)

Mittelfeld:
Jackson Irvine (Hull City)
Mile Jedinak (Aston Villa)
Robbie Kruse (VfL Bochum)
Massimo Luongo (Queens Park Rangers)
Mark Milligan (Al Ahli)
Aaron Mooy (Huddersfield Town)
Tom Rogic (Celtic Glasgow)

Angriff:
Daniel Arzani (Melbourne City)
Tim Cahill (FC Millwall)
Tomi Juric (FC Luzern)
Mathew Leckie (Hertha BSC)
Jamie Maclaren (Hibernian Edinburgh)
Andrew Nabbout (Urawa Red Diamonds)
Dimitri Petratos (Newcastle Jets)

Prognose:

Wie gut Frankreich wirklich ist, lässt sich nicht vorhersagen. Alles andere als der Gruppensieg wäre in dieser machbaren Konstellation jedoch eine Blamage. Dahinter streiten sich Peru und Dänemark um den zweiten Rang. Eine Vorentscheidung gibts deshalb bereits durch den ersten Spieltag, wo beide aufeinandertreffen. Dänemark besitzt jedoch die größere Stabilität und mit Christian Eriksen vielleicht den entscheidenden Mann, um aufzutrumpfen.

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