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WM 2018 – Gruppe F: Zlatanlos, Orgienreich, Weltmeisterlich

Deutschland

Vier Jahre nach dem lange ersehnten vierten Stern scheint es schwer vorstellbar, dass die deutsche Mannschaft eine ähnliche Motivation besitzen könnte wie vor vier Jahren. Die alte Riege um Bastian Schweinsteiger, Philipp Lahm und Miroslav Klose krönte ihre internationale Karriere im letztmöglichen Zeitpunkt mit dem WM-Titel. Doch gerade darin liegt auch die Stärke: Der Umbruch hat in den letzten vier Jahren zahlreiche junge, titelhungrige Spieler hervorgebracht.

Doch Deutschland muss gewarnt sein: Die letzten beiden Weltmeister flogen im Folgeturnier schon in der Vorrunde raus (Italien 2010, Spanien 2014). Wird es zum Fluch? In der Gruppe warten mit Mexiko und Schweden zwei äußerst unangenehme Gegner, die man nicht unterschätzen sollte. Das bei den Deutschen gefürchtete zweite Spiel, indem es in der Ära Löw naturgemäß schlecht läuft, sollte diesmal möglichst gut verlaufen – ansonsten droht eine Niederlage gegen Schweden und, sollte man „nur“ auf Platz 2 der Gruppe landen, ein Achtelfinale gegen Brasilien. Und nochmal wird es kein 7:1 geben.

Nominell scheint die deutsche Elf gleichwertig, wenn nicht sogar besser besetzt zu sein als noch vor vier Jahren. Einzig auf der linken Abwehrseite, wo Jonas Hector seine Arbeit verrichtet, ist Deutschland nicht sensationell besetzt. Ein Fragezeichen steht natürlich weiter hinter Manuel Neuer, der von Jogi Löw trotz einer bockstarken Saison des Konkurrenten ter Stegen den Vorzug erhält. Kommt es zu einer weiteren Verletzung im Fuß, könnte das die Karriere von Neuer beenden. Wollen wir es nicht hoffen.

Der Verzicht von Leroy Sané tut weh – viele hatten sich schon sehr auf den potentiellen Shootingstar von der Bank gefreut. Dagegen kann nun aber das Augenmerk auf zwei Spieler gelegt werden, die bei einer WM noch nicht groß aufspielen durften: Timo Werner – und Marco Reus! Endlich hat er es wieder zu einem großen Turnier geschafft. Mit der überragenden Geschwindigkeit und der Technik beider Spieler dürften sie das deutsche Offensivspiel erheblich beleben. Und dann ist da noch Thomas Müller, der bei Weltmeisterschaften bisher zu seinem Namensvetter Gerd mutiert und nach zwei WMs bereits bei 10 Treffern steht – und damit Rekordtorjäger Miroslav Klose nahe kommen könnte. Defensiv kommt Toni Kroos als inzwischen vierfacher CL-Sieger zum Turnier, umgeben von den üblichen Verdächtigen Khedira, Hummels, Boateng und auch Joshua Kimmich, der den nahtlosen Übergang der Ära Lahm beim FC Bayern wie in der Nationalmannschaft gemeistert hat.

Unerfreulich ist derweil die fortlaufende populistische Diskussion um Özil und Gündogan, die die Nationalmannschaft bis in die WM hinein begleitet und Einfluss auf die Stimmung der gesamten Truppe haben dürfte. Man kann es fast schon als Vorteil sehen, dass die beiden sich in Russland und nicht in Deutschland messen müssen – und dort weniger mit Pfiffen rechnen dürften als beim Freundschaftsspiel gegen Saudi-Arabien. Gerade dieses Spiel war es aber auch, das gezeigt hat, dass Deutschland Probleme kriegen könnte, wenn sie sich auf die zweite Reihe verlassen müssen. Im Confed Cup mag das noch geklappt haben, bei der WM wird Deutschland abhängig davon sein, dass die entscheidenden Spieler das Turnier lang durchhalten. Jerome Boateng ist gerade erst wieder fit, Mesut Özil hatte in der Vorbereitung Probleme und andere Akteure wie Sami Khedira und Marco Reus sind generell verletzungsanfällig. Ganz klar: Viel muss zusammenkommen, damit ein erneuter Triumph wiederholt werden kann. Dennoch ist Deutschland ganz klar wieder Mitfavorit um den Titel.

Trainer:
Joachim Löw

Tor:
Manuel Neuer (FC Bayern)
Marc-André ter Stegen (FC Barcelona)
Kevin Trapp (Paris St. Germain)

Abwehr:
Jerome Boateng (FC Bayern)
Mats Hummels (FC Bayern)
Joshua Kimmich (FC Bayern)
Niklas Süle (FC Bayern)
Matthias Ginter (Borussia Mönchengladbach)
Jonas Hector (1. FC Köln)
Marvin Plattenhardt (Hertha BSC)
Antonio Rüdiger (FC Chelsea)

Mittelfeld:
Julian Brandt (Bayer Leverkusen)
Julian Draxler (Paris St. Germain)
Leon Goretzka (Schalke 04)
Ilkay Gündogan (Manchester City)
Sami Khedira (Juventus Turin)
Toni Kroos (Real Madrid)
Mesut Özil (FC Arsenal)
Marco Reus (Borussia Dortmund)
Sebastian Rudy (FC Bayern)

Angriff:
Mario Gomez (VfB Stuttgart)
Thomas Müller (FC Bayern)
Timo Werner (RB Leipzig)

Mexiko

Wie startet man so richtig geil in eine WM-Vorbereitung? Mit einer Party! Das ganze mexikanische Team soll sich im Vorfeld der WM mit 30 Eskort-Damen vergnügt haben. Der Verband bestätigt den Vorfall nicht, eine Strafe wurde auch nicht ausgesprochen. Generalsekretär Guillermo Cantu sagte, die Spieler hätten schließlich keine Trainingseinheit verpasst. Man könnte argumentieren, sie hätten sogar noch eine extra absolviert. Wie dem auch sei: Mexikos Chicharito klärte in einer Facebook-Fragestunde auf: Es war alles nur für seinen Geburtstag, und es waren keine Eskort-Damen dabei. Mittelfeldspieler Hector Herrera durfte im Anschluss aber sogar in die Heimat fliegen, um „Irritationen“ mit seiner Ehefrau zu lösen.

Ist doch schön, dass es zum Auftakt direkt gegen Deutschland geht und Mexiko Gelegenheit hat, an andere Dinge zu denken. Bereits letztes Jahr hatten die Teams das Vergnügen miteinander: Im Confed-Cup schlug die B-Elf von Deutschland Mexiko klar mit 4:1 (2x Goretzka, Werner, Younes). Ganz so einfach dürfte es dieses Jahr nicht werden. Die mentalitätsstarken Mexikaner kamen derweil souverän als Gruppenerster durch die Mittelamerika-Qualifikation. Doch die Generalproben zeigten größere Probleme: 0:0 gegen Wales, 1:0 gegen Schottland, 0:2 gegen Dänemark. Im März gewann man immerhin 3:0 gegen Island.

Mexiko ist absolut WM-erfahren – es ist die 16. Teilnahme. Personell kommen die Mittelamerikaner mit zwei Frankfurtern zur WM – das sind jedoch nicht die spannendsten Personalien. Das sind eher die Brüder Giovani (29) und Jonathan dos Santos (28). Beide ausgebildet in der Jugend des FC Barcelona und teilweise als sehr vielversprechend eingestuft, spielen sie inzwischen gemeinsam zusammen mit Zlatan bei Los Angeles Galaxy. Zuvor hatten sie auch schon gemeinsam bei Villareal gespielt. Ebenfalls bei LA Galaxy spielt Carlos Vela, der jahrelang bei Real Sociedad für die Tore zuständig war. Auch vom FC Porto waren drei Spieler nominiert, doch Verteidiger Diego Reyes wird nicht rechtzeitig fit und wurde kurz vor WM-Beginn noch ausgetauscht.

Wenn auch einzelne Spieler wie Chicharito oder Herrera herausragen, kommt Mexiko über das starke Kollektiv. Das zeigt auch die Qualifikation: Mit 16 unterschiedlichen Torschützen hat man am zweitmeisten aller Teams. Das einzige Team, das mehr hat? Deutschland. 21. Für Mexiko dürfte es durchaus hart werden, in der Gruppe zu bestehen. Insbesondere wenn man das Auftaktspiel verliert und Konkurrent Schweden bereits Gelegenheit hat, davonzuziehen.

Trainer:
Juan Carlos Osorio

Tor:
Alfredo Talavera (Toluca)
Jesus Corona (Cruz Azul)
Guillermo Ochoa (Standard Lüttich)

Abwehr:
Carlos Salcedo (Eintracht Frankfurt)
Hector Moreno (Real Sociedad San Sebastian)
Miguel Layun (FC Sevilla)
Diego Reyes (FC Porto) // Erick Gutierrez (Klub CF Pachuca) nachnominiert
Jesus Gallardo (Pumas UNAM)
Hugo Ayala (Tigres UANL)
Edson Alvarez (America)

Mittelfeld:
Hector Herrera (FC Porto)
Marco Fabian (Eintracht Frankfurt)
Andres Guardado (Betis Sevilla)
Giovani dos Santos (Los Angeles Galaxy)
Jonathan dos Santos (Los Angeles Galaxy)
Rafael Marquez (Atlas Guadalajara)

Angriff:
Carlos Vela (Los Angeles Galaxy)
Hirving Lozano (PSV Eindhoven)
Jesus Corona (FC Porto)
Javier Aquino (Tigres UANL)
Oribe Peralta (CF America)
Raul Jimenez (Benfica Lissabon)
Javier Hernandez (West Ham United)

Schweden:

Es ist das Turnier 1 nach Zlatan Ibrahimovic für die Schweden. Das ihnen das wenig ausmacht, haben sie in der Qualifikation gezeigt. In einer schwierigen Gruppe landete man zwar hinter Frankreich, aber punktgleich vor den Niederlanden und sorgte damit bereits für die erste Überraschung. In der Relegation schaltete Schweden dann auch noch Italien aus. Man kann sagen: Es scheint fast so, als wirke Schweden befreit. Der Kult um Zlatan Ibrahimovic wurde stets auch mit einer Portion Skepsis betrachtet. Doch die großen Momente, die er sich gerne mal für die großen Spiele aufhob, werden zweifelsohne fehlen.

Der neue Star der Mannschaft kommt aus Leipzig: Emil Forsberg zieht im Mittelfeld die Fäden. Das Prunkstück der Schweden ist aber vor allem die Defensive rund um Manchester United-Spieler Lindelöf und Granqvist, während auf den Außen wohl Bremens Augustinsson und Lustig verteidigen dürften. Diese Verteidigung bekam in 10 Spielen der Quali (4 davon ja gegen Frankreich und die Niederlande) nur neun Gegentreffer – und in zwei Relegationsspielen gegen Italien nicht einen einzigen. Auch die letzten Testergebnisse zeigen die Stärken der Schweden. 0:0 gegen Peru. 0:0 gegen Dänemark. Kann man auf zwei Arten lesen.

Natürlich fehlt vorne im Sturm nun ein Superstar. Die Rolle des Torjägers führt Ex-Hamburger Marcus Berg solide aus, traf in der Qualifikation sogar acht Mal – vier Tore davon aber bei dem 8:0 gegen Luxemburg. Fraglich, ob mit der starken Abwehr und dem schwächeren Angriff eine Wiederholung von 2012 möglich ist: In Deutschland erinnert man sich noch an das 4:4 in der Quali für die WM 2014 – nach 4:0-Führung der Deutschen. Jogi Löw meinte daher nach der Auslosung, man wolle diesmal 5:0 führen, um auf Nummer sicher zu gehen. Das wird es wohl nicht brauchen. Aber es wird schwer genug, durch den schwedischen Abwehrriegel zu dringen. In der Gruppe mit den schwächelnden Mexikanern ist die Truppe Favorit auf ein Weiterkommen.

Trainer:
Janne Andersson

Tor:
Robin Olsen (FC Kopenhagen)
Karl-Johan Johnsson (Guingamp)
Kristoffer Nordfeldt (Swansea)

Abwehr:
Mikael Lustig (Celtic)
Victor Nilsson Lindelöf (Manchester United)
Andreas Granqvist (Krasnodar)
Martin Olsson (Swansea)
Ludwig Augustinsson (Werder Bremen)
Filip Helander (Bologna)
Emil Krafth (Bologna)
Pontus Jansson (Leeds)

Mittelfeld:
Sebastien Larsson (Hull City)
Albin Ekdal (Hamburger SV)
Emil Forsberg (RB Leipzig)
Gustav Svensson (Seattle)
Oscar Hiljemark (Genua 1893)
Viktor Claesson (Krasnodar)
Markus Rohden (Crotone)
Jimmy Durmaz (Toulouse)

Stürmer:
Marcus Berg (Al-Alhi)
John Guidetti (Alaves)
Isaac Kiese Thelin (Waasland-Beveren)
Ola Taivonen (Toulouse)

Südkorea

Südkorea – inzwischen auch Stammgast bei Fußball-Weltmeisterschaften. Seit 1986 war man jedes mal dabei, es ist inzwischen die zehnte Teilnahme für die Nation, die 2002 bei der eigenen WM bis ins Halbfinale vordringen konnte. Diese Zeiten dürften sich 2018 nicht wiederholen. Allein die Qualifikation war mehr als holprig, am letzten Spieltag qualifizierte man sich durch ein 0:0 gegen Usbekistan und hatte Glück, dass Syrien ebenfalls nur 0:0 spielte. Syrien verlor in der Relegation gegen Australien. Kaum verwunderlich, dass Trainer Tae-Yong Shin auf andere Methoden setzt und versucht, im Vorfeld die Gegner zu verwirren: Durch falsche Trikotnummern, wenig zugelassenen Fragen und angeblich sogar absichtlich schlechten Leistungen in Testspielen.

Als Superstar geht ganz klar Tottenhams Heung-Min Son vorweg. Daneben gibt es einige Spieler von Qualität wie Augsburgs Ja-Cheol Koo oder den 22-jährigen Salzburger Hee-Chan Hwang. Insgesamt ist der Kader, in dem nur noch acht Akteure von der WM 2014 dabei sind, qualitativ jedoch mittelmäßig. Insbesondere in der Defensive ist auffällig, dass alle Akteure in den eher schwächeren asiatischen Ligen zuhause sind. Wie so oft dürften sie gerade mit körperlich starken Teams schnell Probleme bekommen – was bei allen drei Gegnern zutreffen dürfte. Überraschend fehlt im Kader auch Dong-Won Ji, vor vier Jahren noch dabei. Vor vier Jahren war er aber auch noch bei Borussia Dortmund – die Rückrunde 2018 spielte er aber gerade in Darmstadt. So schnell gehts.

Nur elf Tore in zehn Qualifikationsspielen bei zehn Gegentreffern, 2018 bereits Testspielniederlagen gegen Nordirland (1:2), den Senegal (0:2), Bosnien-Herzegowina (1:3) und Polen (2:3) bei lediglich einem Sieg gegen Honduras (2:0) – Südkorea wirkt nicht so, als könnte es in der schweren Gruppe F auch nur ein Wörtchen um den Achtelfinaleinzug mitreden.

Abwehr:
Shin Tae-Yong

Tor:
Seung-Gyu Kim (Vissel Kobe)
Jin-Hyeon Kim (Cerezo Osaka)
Hyun-Woo Cho (Daegu FC)

Abwehr:
Young-Gwon Kim (Guangzhou Evergrande)
Hyun-Soo Jang (FC Tokyo)
Seung-Hyun Jung (Sagan Tosu)
Yong-Sun Yun (Seongnam FC)
Ban-Suk Oh (Jeju United)
Min-Woo Kim (Sangju Sangmu)
Joo-Ho Park (Ulsan Hyundai)
Chul Hong (Sangju Sangmu)
Yo-Han Go (FC Seoul)
Yong Lee (Jeonbuk Hyundai Motors)

Mittelfeld:
Sung-Yueng Ki (Swansea City)
Woo-Young Jung (Vissel Kobe)
Se-Jong Ju (Asan Mugunghwa FC)
Ja-Cheol Koo (FC Augsburg)
Jae-Sung Lee (Jeonbuk Hyundai Motors)
Seung-Woo Lee (Hellas Verona)
Seon-Min Moon (Incheon United)

Angriff:
Shin-Wook Kim (Jeonbuk Hyundai Motors)
Heung-Min Son (Tottenham Hotspur)
Hee-Chan Hwang (Red Bull Salzburg)

Prognose

Der erste Platz für Deutschland muss zwar Pflicht sein, ist aber alles andere als selbstverständlich. Insbesondere im berüchtigten zweiten Spiel gegen Schweden könnte es für Deutschland heiß hergehen. Südkorea könnte eine ganz bittere Gruppenphase erleben. Mexiko braucht eine gute Teamleistung, um sich in der Gruppe durchzusetzen. Die beiden europäischen Teams sind in der Favoritenrolle.