Artikelformat

WM 2018 – Gruppe G: Der Premier-League Faktor bei Belgien und England

Belgien

2014 bei der WM: Geheimfavorit. Ergebnis: Endstation Argentinien im Viertelfinale. 2016 bei der EM: Geheimfavorit. Ergebnis: Endstation Wales im Viertelfinale. 2018 bei der WM: Von „Geheim“ kann ja wohl keine Rede mehr sein. Dennoch ist Belgien im Pool der 7-8 Nationen zu sehen, die realistische Chancen auf den WM-Titel besitzen. Der Kader ist immens stark und verfügt über viele Spieler, die bereits in den letzten Jahren Erfahrung bei den großen Turnieren sammeln konnten und vielleicht jetzt reif für den nächsten Sprung sind.

Mit neun Siegen bei einem Remis und beeindruckenden 43:6 Toren ballerte sich Belgien souverän zur WM (4,3 Tore pro Spiel, u.a. natürlich mit 9:0 und 6:0-Erfolgen gegen Gibraltar, 8:1 gegen Estland). Darunter auch das schnellste Tor der WM-Geschichte von Benteke (s.u.). Der kann sich das Video immer wieder anschauen in den nächsten Wochen: Er wurde aus dem vorläufigen Kader ebenso gestrichen wie Romelu Lukakus Bruder Jordan und schaut nur zu. Dabei ist dagegen Abwehrchef Vincent Kompany, der jedoch mal wieder Verletzungsprobleme hat. Und zwar so starke, dass der eigentlich aussortierte Ciman noch ein paar Tage länger bei der Mannschaft blieb. Inzwischen ist er abgereist, Kompany sollte fit sein. Man wird sehen.

Kaum eine Mannschaft verfügt über ähnlich viele Spieler mit solch einer individuellen Klasse. Stürmer Romelu Lukaku (Manchester United), Mittelfeldstratege Kevin de Bruyne (Manchester City) und Flügelflitzer Eden Hazard (FC Chelsea London) vorneweg. Wirklich große Schwachpunkte besitzt Belgien nicht. Der entscheidende Faktor könnte die Ligenzugehörigkeit der Spieler werden. Elf Spieler verdienen ihr Geld derzeit in der Premier League, wo die Fußballer einiges an Pflichtspielen mehr absolvieren müssen als anderswo. Oft wirken gerade die Spieler bei den großen Turnieren schlicht müde. Gruppengegner England kann davon ebenfalls ein Lied singen. Bei den Testspielen wirkte Belgien aber noch fit (0:0 gegen Portugal, 3:0 gegen Ägypten, 4:1 gegen Costa Rica).

Mittlerweile trauen weniger Leute Belgien den großen Wurf zu als noch vor ein paar Jahren. Und das macht Belgien 2018 dann wohl doch zum ersten Mal zu einer Art echtem Geheimfavoriten. Panama und Tunesien dürften keinen Maßstab darstellen, im Duell gegen England geht es wohl direkt um den Gruppensieg. Auf diesen dürfte Belgien die größeren Chancen besitzen.

Trainer:
Roberto Martinez Montoliu (Spanien)

Tor:
Koen Casteels (VfL Wolfsburg)
Thibaut Courtois (FC Chelsea)
Simon Mignolet (FC Liverpool)

Abwehr:
Toby Alderweireld (Tottenham Hotspur)
Dedryck Boyata (Celtic Glasgow)
Vincent Kompany (Manchester City)
Thomas Meunier (Paris Saint-Germain)
Thomas Vermaelen (FC Barcelona)
Jan Vertonghen (Tottenham Hotspur)

Mittelfeld:
Kevin De Bruyne (Manchester City)
Mousa Dembélé (Tottenham Hotspur)
Leander Dendoncker (RSC Anderlecht)
Maroune Fellaini (Manchester United)
Adnan Januzaj (Real Sociedad)
Youri Tielemans (AS Monaco)
Axel Witsel (TJ Quanjian)

Angriff:
Michy Batshuayi (Borussia Dortmund)
Yannick Carrasco (DL Yifang)
Nacer Chadli (West Bromwich Albion)
Eden Hazard ( FC Chelsea)
Thorgan Hazard (Borussia Mönchengladbach)
Romelu Lukaku (Manchester United)
Dries Mertens (SSC Neapel)

England

In der Qualifikation hielt sich England schadlos und gelangte mit acht Siegen bei zwei Unentschieden ungeschlagen zur WM in Russland. Selbst in allen sechs Testspielen seit der Qualifikation blieb man ungeschlagen (0:0 gegen Deutschland, 0:0 gegen Brasilien, 1:0 gegen die Niederlande, 1:1 gegen Italien, 2:1 gegen Nigeria und 2:0 gegen Costa Rica). Geht da für England etwa etwas?

Seit 1990 hat es das Mutterland des Fußballs nicht einmal mehr in ein WM-Halbfinale geschafft. Das Problem, was Belgien besitzt, hat England in Extremform: Nicht ein einziger Spieler aus dem Kader ist nicht in der Premier League aktiv. Im vergangenen Jahr jubelte England ob der Siege sowohl bei der U17- als auch bei der U20-Weltmeisterschaft. Das mag eine schöne Prognose darstellen – für die WM 2022 in Katar. In Russland sind diese Spieler noch nicht dabei.

Dafür andere: Gerade in der Offensive ist England mit Spielern wie Harry Kane, Raheem Sterling und Co hochkarätig besetzt. Überall findet man Spieler von englischen Top-Teams. Dass wenige Leute England auf der Rechnung haben, mag eben mit der erfolglosen Vergangenheit zu tun haben. Vor vier Jahren scheiterte man in der Gruppenphase, vor zwei Jahren bei der EM im Achtelfinale an Island. Die Mannschaft scheint unter Trainer Gareth Southgate, der Sam Allerdyce Ende 2016 nach einem Enthüllungsskandal ablöste gefestigt zu sein. Wird England etwa in der Gruppe des ewigen Geheimfavoriten Belgien zum Geheimfavoriten?

Für Panama und Tunesien dürfte es locker reichen. Selbst ein zweiter Platz in der Gruppe G führt zu lösbaren Aufgaben aus Gruppe H, weswegen auch ein Viertelfinale erstmal nicht unrealistisch erscheint. Doch ob die englischen Spieler nach der langen Premier League Saison ihr ganzes Potenzial abrufen können, wird man erst am 28. Juni sehen. Da spielt man gegen Belgien wohl um Platz 1 der Gruppe.

Trainer:
Gareth Southgate

Tor:
Pickford, Jordan (FC Everton)
Jack Butland (Stoke City)
Nick Pope (FC Burnley)

Abwehr:

Ashley Young (Manchester United)
Phil Jones (Manchester United)
Gary Cahill (FC Chelsea)
John Stones (Manchester City)
Kyle Walker (Manchester City)
Fabian Delph (Manchester City)
Kieran Trippier (Tottenham Hotspur)
Danny Rose (Tottenham Hotspur)
Harry Maguire (Leicester City)
Trent Alexander-Arnold (FC Liverpool)

Mittelfeld:
Eric Dier (Tottenham Hotspur)
Jesse Lingard (Manchester United)
Ruben Loftus-Check (FC Chelsea)
Jordan Henderson (FC Liverpool)
Dele Alli (Tottenham Hotspur)

Angriff:
Danny Welbeck (FC Arsenal)
Jamie Vardy (Leicester City)
Harry Kane (Tottenham Hotspur)
Marcus Rashford (Manchester United)
Raheem Sterling (Manchester City)

Tunesien

Während England mit 0 Legionären zur WM fährt, besitzt Tunesien davon direkt 17. Die wichtigsten Spieler findet man vor allem in der französischen Liga, angeführt von Wahbi Khazri, der bei Stade Rennes immerhin auf neun Tore bei zwei Vorlagen kam. Die WM-Qualifikation erfolgte nach Siegen gegen Nationen wie Mauretanien, Libyen und Guinea nur ganz knapp vor der Demokratischen Republik Kongo – die fast das zweite Mal nach 1974 an einer WM teilgenommen hätten.

Somit ist es Tunesien, die zum fünften Mal an einer WM teilnehmen, dabei aber nie über die Gruppenphase hinauskamen. Auch 2018 wird das vermutlich der Fall sein – zu stark ist die Konkurrenz aus Belgien und England. Dabei sind die Testspielergebnisse größere Mutmacher als die Quali: Dieses Jahr gab es Siege gegen Iran (1:0), Costa Rica (1:0) bei Unentschieden gegen Portugal (2:2) und die Türkei (2:2) und nur einer knappen Niederlage gegen Spanien (0:1). Das Testspielergebnisse aber oftmals wenig Wert besitzen weiß man spätestens seit der 0:5-Klatsche von Saudi-Arabien gegen Russland zum WM-Auftakt.

Im letzten Gruppenspiel wird es gegen Panama vermutlich um Rang drei in der Gruppe gehen. Trainer Maaloul wird wohl dennoch zufrieden sein. Nachdem er Tunesien bereits bei der gescheiterten WM-Qualifikation 2014 betreute, hat er es nun im zweiten Anlauf geschafft. Im Vorfeld hatte man versucht, eine schlagkräftigere Truppe zusammen zu stellen, indem man z.B. versuchte Sami Khediras Bruder Rani anzuwerben. Erfolglos. Kleienr Trost: Es hätte wohl wenig geändert.

Trainer:
Nabil Maaloul

Tor:
Aymen Mathlouthi (Al-Batin FC)
Farouk Ben Mustapha (Al-Shabab)
Mouez Hassen (LB Chateauroux)

Abwehr:
Hamdi Nagguez (Zamalek SC)
Dylan Bronn (KAA Gent)
Rami Bedoui (ES Sahel)
Yohan Benalouane (Leicester City)
Syam Ben Youssef (Kasimpasa)
Yassine Meriah (CS Sfaxien)
Oussama Haddadi (FCO Dijon)
Ali Maaloul (Al-Ahli)

Mittelfeld:
Ellyes Skhiri (HSC Montpellier)
Mohamed Amine Ben Amor (Al-Ahli)
Ghaylene Chalali (Esperance Tunis)
Farjani Sassi (Al-Nasr)
Ahmed Khalil (Club Africain)
Seifeddine El Khaoui (ES Troyes)

Sturm:
Fakhreddine Ben Youssef (Al-Ettifak)
Anice Badri (Esperance Tunis)
Bassem Srarfi (OGC Nizza)
Wahbi Khazri (Stade Rennes)
Naim Sliti (FCO Dijon)
Sabeur Khalifa (Club Africain)

Panama

Mit Panama hat es ein absoluter WM-Neuling nach Russland geschafft! Die erste Qualifikation der Geschichte des Landes ist schon so etwas wie eine kleine Sensation. Punktgleich vor Honduras und einen Punkt vor den USA kam man als Dritter gerade so durch. Entscheidend dafür war der 2:1-Siegtreffer gegen Costa Rica im letzten Spiel, in der 88. Minute.

Panama hat lange auf dieses Turnier gewartet. Einige Spieler können davon ein Lied singen. Im Tor steht Jaime Penedo (36 Jahre, seit 2003 Nationalspieler), die Abwehr wird geführt von Felipe Baloy (37, seit 2001 Nationalspieler,) und im Sturm wirbeln immer noch Blas Pérez (37, seit 2001 Nationalspieler) und Luis Tejada (36, seit 2001 Nationalspieler) und natürlich „Jungspund“ Roman Torres (32, seit 2005 Nationalspieler), der den entscheidenden Treffer gegen Costa Rica erzielte. Das Turnier können sie entspannt angehen: In erster Linie erfüllt sich Panama mit der Teilnahme einen Traum, und in der Gruppe erwartet wohl kaum einer ein Weiterkommen. Doch gerade die Engländer dürften gewarnt sein: 2014 scheiterten sie unerwartet an Costa Rica. Wird Panama zum nächsten unüberwindbaren Mittelamerika-Giganten für die Briten?

Ganz klar: Panama muss über die Gemeinschaft und eine gute Defensive kommen, um die Favoriten zu überraschen. Neben den erfahrenen Akteuren hat Panama jedoch auch junge Talente dabei, wie den Mittelfeldspieler Jose Luis Rodríguez, der einen Tag nach dem ersten Spiel gegen Belgien seinen 20. Geburtstag feiert, oder Ismael Diaz (21), der jedoch auch „nur“ in der dritten spanischen Liga aktiv ist.

An sich scheint Panama stabil zu stehen. Dieses Jahr gab es eine knappe Niederlage gegen Dänemark (0:1), einen ebenso knappen Erfolg gegen Norwegen und Trinidad&Tobago (je 1:0) bei einem torlosen Remis gegen Nordirland. Lediglich gegen die Schweiz leisteten sie sich einen Komplett-Blackout bei dem 0:6 im März. Trotz der Qualifikation müssen da die Begleitumstände erwähnt werden: Die USA schaffte es nicht, gegen Trinidad&Tobago zu gewinnen und Panama erzielte insgesamt in 16 Qualifikationsspielen auch nur 16 Tore – bei 15 Gegentreffern. Platz 3 ist in der Gruppe aber definitiv drin – auch wenn Panama in Sachen Sympathien sicher um die vorderen Ränge mitspielen wird.

Trainer:
Hernán Darío Gómez

Tor:
Jose Calderon (Chorrillo FC)
Jaime Penedo (Dinamo Bukarest)
Alex Rodriguez (San Francisco FC)

Abwehr:
Felipe Baloy (Municipal, Guatemala)
Harold Cummings (San Jose Earthquakes)
Eric Davis (Dunajska Streda)
Fidel Escobar (New York Red Bulls)
Adolfo Machado (Houston Dynamo)
Michael Amir Murillo (New York Red Bulls)
Luis Ovalle (CD Olimpia)
Torres Roman (Seattle Sounders)

Mittelfeld:
Edgar Barcenas (Cafetaleros de Tapachula)
Armando Cooper (Universidad de Chile)
Anibal Godoy (San Jose Earthquakes)
Gabriel Gomez (Atletico Bucaramanga)
Valentin Pimentel (Plaza Amador)
Alberto Quintero (Universite)
Jose Luis Rodriguez (KAA Gent)

Angriff:
Abdiel Arroyo (Liga Deportiva Alajuelense)
Ismael Diaz (Deportivo La Coruna)
Blas Perez (Municipal)
Luis Tejada (Sport Boys)
Gabriel Torres (Huachipato)

Prognose

Die WM ist bisher ein Turnier des Favoritenstolperns. Erwischt es auch Belgien direkt gegen Panama oder England gegen Tunesien? Unwahrscheinlich. Belgien und England machen den Gruppenersten wohl im direkten Duell aus. Panama feiert eine WM-Party. England darf aber gewarnt sein: Nach Costa Rica 2014 wird man die Mittelamerikaner eventuell weniger unterschätzen.

Kommentare sind geschlossen.